Am Bahndamm

    von Nora Bollweg

    Eine graue Stille lag über dem Viertel, als ich die Holztür hinter mir zuzog und in die eiskalten Stiefel schlüpfte. Ich schlug die Arme einige Male um meinen Oberkörper, doch die Kälte glitt wie eine eisige Hand unter meine dünne Jacke und die durchgescheuerte Hose. Ich wusste, mir würde erst auf dem Weg wieder wärmer werden, also band ich mir den großen Blecheimer um und verfiel in einen leichten Trab. Das Geräusch meiner Schritte klapperte in der Stille zwischen den Gebäuden. Links und rechts ragten die langen Reihen der Mietshäuser in den Himmel, unterbrochen von aufgehäuften Schuttbergen. Licht drang aus keinem der Fenster. Der Strom in dieser Straße war noch nicht wiederhergestellt, und Kerzen mussten gespart werden.
    Ich kletterte über einige Steinquader, die mir den Weg versperrten, und beschleunigte dann wieder meine Schritte. Noch ein paar hundert Meter, dann hatte ich mein Ziel erreicht.
    Vor mir lag hinter einigen Ruinen der Bahndamm. Ich huschte an einem der verfallenen Gebäude vorbei. Als es hinter mir zurückblieb, sah ich, dass ich mich beeilen musste: Eine Gruppe von anderen Kindern hatte sich schon an einem der Waggons versammelt, und einige von ihnen waren anscheinend schon auf die Plane des Wagens geklettert. Ich hatte das Gefühl, sie tauchten jeden Sonntag früher hier auf. Die letzten Meter rannte ich über die Gleise, zog mir währenddessen schon den Eimer vom Rücken und ließ ihn am hinteren Ende des Waggons fallen. Mit einer Hand hielt ich die Schnur fest, die am Eimer befestigt war, während ich ihn als Trittbrett benutzte, um mich am Waggon in die Höhe zu ziehen.
    Meine Finger und Muskeln schmerzten, als ich meinen Körper langsam nach oben stemmte. Ich hatte gestern Mittag zuletzt etwas gegessen und spürte, wie meine Kraft schnell nachließ. Doch schließlich zerrte ich mein rechtes Bein über die kalte Metallkante und blieb laut keuchend auf dem Rand des Wagens liegen. Als sich mein Atem wieder etwas beruhigt hatte, setzte ich mich auf und holte den Eimer zu mir hoch. Am anderen Ende des Wagens waren mehrere Kinder dabei, schwarze Klumpen aus dem Inneren zu holen und über den Rand auf den Boden zu werfen. Unten liefen die kleineren Kinder wuselnd umher und klaubten die Klumpen von den Gleisen. Aus den gedämpften, zischelnden Rufen der Größeren klang ihre Nervosität heraus.
    Was wir hier taten, war bei Strafe verboten. Und doch schickten uns unsere Eltern jeden Sonntag zum Bahndamm, um Kohlen von den Waggons zu stehlen. Nur sonntags, da der Betrieb dann stillstand und die beladenen Wagen im Bahnhof auf den Tagesanbruch warteten.

    Ich rieb meine klammen Hände kurz und fest aneinander und ging dann daran, die Plane vom Rand des Waggons zu lösen. Schließlich war es geschafft und ich warf die Plane etwas zurück, so dass eine schmale Öffnung entstand, durch die ich mich hindurchzwängen konnte. Im Innern des Waggons war es stockdunkel und roch nach Staub, der sich sofort in meinen Mund legte, als ich tief Luft holte. Ich tastete nach dem Eimer, stellte ihn neben mich und begann, ihn eilig mit Kohlestücken zu füllen.
    Als ich den Eimer etwa halb gefüllt hatte, hörte ich von draußen einen dumpfen Schrei. Ich stand auf und steckte meinen Kopf unter der Plane hervor. Ich konnte gerade noch erkennen, wie zwei Hände ein Kind kopfüber vom Waggon zogen. Von unten hörte ich weitere Schreie der Kinder und schwere, knirschende Schritte auf dem Gleisbett.
    Plötzlich sah ich einen etwa fünfjährigen Jungen über die Gleise davonrennen, doch er kam nur einige Meter weit. Ein Mann in dunkler Uniform setzte ihm nach und schlug ihn mit aller Wucht mit einem langen Stab von hinten zwischen die Schultern. Der Junge schrie auf, stolperte und fiel mit einem rasselnden Geräusch hart auf den Boden. Der Mann packte den Jungen, der bewusstlos schien, und schleppte ihn zurück zum Waggon, wo er wieder aus meinem Blickfeld verschwand. Ich zog meinen Kopf zurück, leerte den Eimer aus und stellte ihn hinaus auf die Plane. Dann zog ich mich so leise wie möglich hinterher und schob meinen Oberkörper zu der Seite des Wagens, die den Lauten der Kinder am entferntesten war. Den Eimer ließ ich an der Seite nach unten gleiten und betete, dass der Aufprall kein Geräusch erzeugen würde. Ich hatte Glück und vernahm nur ein sachtes Klappern. Langsam ließ ich mich am kalten Metall hinabrutschen. Meine Arme schmerzten vor Kälte und Anstrengung und ich hatte das Gefühl, die Luft in meiner Lunge reichte nicht aus. Zischend zog ich sie durch die Zähne ein, als ich mich fallen ließ und ein weiterer Schmerz mein Bein durchfuhr. Humpelnd gelangte ich schließlich zu einer alten Meldestelle. Ich schlich um das Backsteingebäude herum, überquerte noch einige Gleise und erreichte die Hauptstraße.

    Ich lehnte mich an eine Litfaßsäule und stemmte die Arme auf die Knie. Mit dem Handrücken fuhr ich mir über die kalte, schweißnasse Stirn. Der leere Eimer rutschte nach vorn und erinnerte mich an mein erfolgloses Unterfangen. Diese Woche würden wir zu Hause frieren müssen. Ich machte mich wieder auf den Weg, auf der Suche nach Irgendetwas, das ich stattdessen mit nach Hause bringen könnte. Schließlich erreichte das Ufer der Spree und folgte ihr eine Weile, bis ich die Ruine eines großen Gebäudes entdeckte. Eine Krähe hüpfte vor mir über die Ziegel, als wollte sie mir den Weg weisen. Ich klammerte mich mit meinen rissigen Händen gerade an einem schweren Fensterrahmen fest, um mich auf einen Mauerrest zu ziehen, als ich neben mir ein Kästchen entdeckte, das halb aus dem Staub herausragte. Ich nahm die Schatulle in die Hände, klopfte den Staub ab und hockte mich hin, um sie genauer zu betrachten.
    Die kleine Schachtel war mit Stoff überzogen und ich fuhr sacht mit den Fingern über die weichen Kanten. Dann spürte ich eine Rille an meinen Fingerspitzen und fuhr mit meinen Fingernägeln hinein, um die Schatulle vorsichtig zu öffnen. Der Deckel klappte hoch und im Inneren lag auf einem winzigen Kissen ein silbernes Abzeichen. Ich hatte diese Abzeichen schon öfter gesehen, sie hatten die Form eines Kreuzes mit breit zulaufenden Zacken. Einige der Männer trugen sie an ihren alten Uniformen oder Mänteln. Ich nahm das Kreuz in die Hand. Es war schwerer, als ich gedacht hatte und erschien mir auch größer, als die Kreuze, die ich bisher gesehen hatte. Grübelnd drehte ich den eisernen Gegenstand in meiner Hand herum und entdeckte auf der Rückseite eine Prägung. Ich kniff die Augen zusammen und entzifferte die Buchstaben.
    „Reichsmarschall des Großdeutschen Reiches“ und darunter „Hermann Göring“. Ich blinzelte. Volltreffer! Wenn mein Vater das Kreuz verkaufte, könnten wir genug Kohlen für den ganzen Winter kaufen. Wie viel mochte das Kreuz wert sein? Ich legte es vorsichtig in die Schatulle zurück und steckte sie tief in die Tasche meiner Jacke. Der Stoff beulte sich beruhigend nach außen, als ich durch die Straßen zurücktrabte. Immer wieder fühlte ich, ob die Schatulle sich noch in meiner Tasche befand. Ich sah meinen Vater vor meinem inneren Auge, sein erst neugieriger, dann erstaunter Blick, wenn ich das Kästchen öffnen würde. Ein eisernes Kreuz von Göring höchstpersönlich! Es musste Tausende von Mark wert sein.

    Ich ließ meine Fingerspitzen fröhlich über das Geflecht eines Zaunes gleiten, als ich plötzlich über ein Mädchen stolperte. Sie saß eingezwängt zwischen dem Zaun und einem alten Kotflügel, der so verrostet war, dass kaum noch seine einstige Lackierung zu erkennen war. Das Mädchen blickte kurz zu mir hoch, dann senkte sie wieder ihren Kopf und weinte wimmernd in ihren Ärmel, der schon ganz durchnässt war. Ihre Haare waren zu einem struppigen Zopf geflochten und ihre Hände waren dunkelbraun vor Dreck. Auf ihrer Wange erschien eine dunkle Linie, als sie sich mit der Hand über das Gesicht wischte. Ich blickte mich um, doch niemand war in der Nähe. Nach einem Moment der Unsicherheit kniete ich mich zu ihr hinunter.
    „Hey, Kleine!“
    Sie blickte wieder auf und schaute mich ängstlich an.
    „Wo gehörst du denn hin? Du solltest bei dieser Kälte nicht hier auf dem Boden
    hocken.“
    Ich legte ihr sacht die Hand auf den Arm, und sie blickte verwundert auf ihn herab.
    „Hast du kein Zuhause?“
    Ich versuchte, sie vorsichtig hochzuziehen, doch plötzlich riss das Mädchen seinen Arm zurück und keuchte.„Nein!“
    Ich ließ sie erschrocken los, doch ich blieb neben ihr hocken. Nach einigen Minuten des Schweigens zog das Mädchen auf einmal ihre Nase hoch und begann, stockend zu sprechen.
    „Ich… ich kann nicht nach Hause… ich habe keine Kohle gekriegt… und der Eimer ist auch weg!“
    Speichel lief ihr aus dem Mundwinkel und sie wischte ihn mit einem Ärmel weg. Ich sah, wie wieder die Tränen in ihre Augen stiegen.
    „Vorhin haben wir Kohlen aus den Waggons geholt. Und dann… dann…“
    Sie wimmerte kurz, und ich blickte sie aufmunternd an.
    „… dann kamen Wachtposten und haben uns erwischt! Mich haben sie eben laufen gelassen, aber meinen Bruder… !“
    Sie schluchzte wieder laut auf und vergrub ihr Gesicht in den Händen. Ich wusste, was das bedeutete. Der Bruder war in die Arrestzellen der Kohleleute gesperrt worden und würde dort nur wieder hinauskommen, wenn seine Eltern eine horrende Summe bezahlen würden. Und so lange würde ihm dort wer-weiß-was angetan werden.

    Ich tätschelte hilflos den Arm des Mädchens. Sie hatte sich wieder etwas gefangen und hustete bellend gelben Schleim heraus. Dann erhob sie müde die Stimme.
    „Mutter hat das Geld nicht. Wir haben doch nicht einmal Geld für Kohle, und meine kleinen Brüder frieren auch so schon die ganze Nacht. Ich kann einfach nicht heimgehen und es ihr sagen…“
    Sie starrte gedankenverloren auf die Straße vor uns, auf der ein dunstiger Nebel stand. Ich schwieg. Dann kratzte ich mich am Kinn, griff in meine Tasche und legte ihr die Schatulle in die Hand. Ich kniff einen kurzen Moment die Augen zusammen, dann stand ich auf, klopfte mir den Staub von den Kleidern und trabte weiter meinem Zuhause entgegen.
    Am nächsten Sonntag würde der Waggon wieder auf mich warten.

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