Flucht im Kreis

    von Paula Schillo

    Knirschende Steine unter stampfenden Schuhen, pumpende Lunge: Sie hasten vorbei. Rund, immer rund um den kleinen Weiher, die Bäume, den Steg. Der Läufer hetzt nicht, keucht nicht, bleibt nicht stehen. Keinen Blick hat er übrig für uns Bankmenschen, die wir den See und die Bäume betrachten, anstatt um sie zu kreisen wie eine getriebene Motte um eine einsame Glühbirne.

    Es läuft nicht gut zuhause, sagen sie, seine Frau will die Scheidung. Gesagt wird viel, getuschelt noch mehr. Und vielleicht, wenn ich ein bisschen mehr tuschelte oder zumindest an diesem Morgen meinen Kopf in die örtliche Gerüchteküche gesteckt hätte, dann wüsste ich, dass es wir Bankmenschen sind, um die er kreist. Dass sein starr auf den Boden gerichteter Blick nicht pure Missachtung, sondern heimliche Sehnsucht ist. Dass es in Wahrheit nichts Schöneres gibt, als seinen Sonntagmorgen hier zu verbringen, auf einer Bank im Park, zur Gesellschaft ein gutes Buch und ab und zu die Jogger, die rastlos vorbeiknirschen.

    Derweil zieht er seine Kreise, schaut nicht vor, schaut nicht zurück. Und während er sich Mühe gibt, die Bänke nicht zu beachten, hat es den Anschein, als liefe er zum ersten Mal in seinem Leben geradeaus.

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