… und schweigen wie das Grab

    von Rosemai M. Schmidt

    „Sie sind da“, tönte die aufgeregte Stimme meiner Mutter aus dem Telefon, „kommst du herüber?“
    Sie sind da!
    Mit einem flauen Gefühl im Magen ging ich über die Straße, dorthin, wo meine Mutter wohnt und wo sie jetzt auf mich warteten, auf ein Wiedersehen nach vierundzwanzig Jahren. Ein Wiedersehen, das erst  möglich werden konnte, weil ein Mann namens Ceaușescu nicht mehr lebte und die Grenzen Rumäniens geöffnet waren.

    Ich erkannte sie sofort: Andrea, runder geworden, aber noch immer apart, und Fred, älter zwar, aber kaum verändert.
    „Ich bin Uli“, sagte ein schlanker junger Mann lächelnd und umarmte mich.
    Und ich dachte daran, wie ich ihn als Knirps auf dem Arm gehabt hatte, damals, als ich sechzehn Jahre alt gewesen war und er zwei.
    „Und ich bin Fred‑Carl.“
    Ich drehte mich um.
    „Carl?“ hörte ich mich fragen, fassungslos, leise, ein Zittern in der Stimme.
    „Sie sagen, ich sei ihm ähnlich. Ich erinnere mich nicht an ihn, ich war zu klein damals.“

    Ich sitze am Kaffeetisch mit ihnen, trinke Tee und esse Kuchen, der mir wie Pappe schmeckt, starre Fred-Carl an und sehe ihn nicht, sehe nur Carl, den anderen Carl von damals, vor vierundzwanzig Jahren.

    Ich war sechzehn, als wir zum ersten Mal nach Rumänien fuhren, um die Familie meines Vaters kennenzulernen, die wir, abgesehen von seinen Eltern, bis dahin nur von Fotos oder Briefen kannten. Wir fuhren mit der Bahn! Die ganze Familie! Einen Tag und eine Nacht lang!
    Alles war aufregend auf dieser Fahrt. Vor allem jedoch die Grenze, die uns das Bedrohliche und die Trostlosigkeit des Eisernen Vorhangs erstmalig konkret erfahren ließ, personifiziert in finster blickenden Männern, von deren Schultern die MPs hingen wie ein grotesker zusätzlicher Körperteil.

    In Meschen dann die Verwandten, die zunächst so etwas wie lebendig gewordene Fotografien für mich waren. Ich brauchte einige Zeit, bis ich mich nicht mehr darüber wunderte, dass sie nicht flach waren wie Papier.
    Und die Faszination, als ich merkte, dass wir dort etwas Besonderes waren, einfach deshalb, weil wir aus dem Westen kamen, von ‚oben‘, von dort, wo Milch und Honig floss und wo jeder hinwollte, den wir kennenlernten.

    Am meisten von allen jedoch wollte das Carl.

    Carl, eins neunzig groß, sportlich, mit dicken blonden Locken, war der schönste Mensch, den ich bis dahin gesehen hatte, und ich liebte ihn vom ersten Augenblick an. Obwohl ein Cousin meines Vaters war er nur acht Jahre älter als ich, und er gewann mein Herz dadurch, dass er mich für voll nahm. In seiner Gegenwart hatte ich das Gefühl, so erwachsen zu sein wie er, was meinem nicht sehr ausgeprägten Selbstbewusstsein sehr wohl tat. Und Carl war es auch, der mir das dramatische Ausmaß der Qual bewusst machte, die es bedeutete, nicht die Freiheit zu haben, gehen zu können, wohin man will.

    Wir saßen etwas abseits von den anderen, die rings um uns eine Party feierten, zu Ehren der Gäste aus dem Westen.
    „Weißt du“, sagte Carl, „es ist, als ob du erstickst, jeden Tag ein bisschen mehr. Und du weißt, dass du sterben wirst irgendwann, wenn du nicht schreist oder wegläufst. Aber schreien darf man nicht in diesem Land.“
    Ich konnte nichts sagen. Carls Blick wurde ganz intensiv, fast beschwörend. Er schaute sich um und beugte sich dann vor.
    „Kannst du schweigen?“
    Das Herz klopfte mir bis zum Hals, doch ich nickte.
    „Ich muss es irgendwem erzählen, wenigstens einmal, sonst platze ich. Aber es muss absolut ein Geheimnis bleiben, mein Leben hängt davon ab!“
    Ich nickte wieder, reden konnte ich nicht.
    Carl beugte sich noch näher heran und sagte, fast flüsternd:
    „Ich werde fliehen.“
    „Was?“ Ich hatte das Gefühl zu krächzen.
    „Ich warte allerhöchstens noch zwei Jahre. Wenn sich bis dahin nicht durch den Sport eine Möglichkeit ergeben hat, nach Deutschland zu kommen, werde ich fliehen.“
    „Aber“, ich flüsterte jetzt auch, „wie willst du das machen?“
    „Ich schwimme über die Donau nach Jugoslawien, von dort aus kommt man leicht nach Italien.
    „Bist du sicher, dass das klappen wird?“
    Eine Riesenfaust schien meine Lunge zusammenzupressen, und mir wurde kalt.
    „Das weiß man nie. Eine Flucht ist immer ein Risiko.“
    „Und wenn du erwischt wirst? Wenn sie dich töten?“
    „Lebe ich jetzt? Lieber bin ich tot, als hier bei lebendigem Leib abzusterben.“

    Ich versuchte mir vorzustellen, wie das sein mochte, nicht aus einem Land herauszukönnen, sah im Geist die gespensterhaften Gestalten mit den grässlichen MPs, die diese teuflische Grenze sicherten, wie seelenlose Marionetten, die aber doch auch Menschen waren, vielleicht die Freiheit ersehnten, ebenso wie Carl, der bereit war, dafür zu sterben, wenn es sein musste, und ich konnte ihn verstehen. Und dieses Verstehen machte mich noch trauriger.

    „Sei nicht traurig. Noch ist es nicht soweit, und ich glaube fest daran, dass es gelingen wird. Ich werde frei sein, so oder so.“
    So oder so!
    Ich fühlte seine Hände mein Gesicht umfassen und sah in seine unglaublich blauen Augen, die die meinen suchten.
    „Du wirst schweigen?“
    „Ja“, sagte ich leise, “ ich werde schweigen.“
    Ich konnte seinen Blick nicht mehr ertragen und schloss die Augen.
    Schmetterlingsleise fühlte ich seine Lippen auf meinen geschlossenen Lidern, und als er mich ganz sanft auf den Mund küsste, war es, als lege er ein Siegel darüber.

    Zwei Wochen später, beim Abschied am Bahnhof, war ich unfähig, von seiner Seite zu weichen, so als wollte ich jede Sekunde auskosten, die ich ihn noch sehen konnte. Eine letzte Umarmung, ein leises Flüstern:
    „Bis in zwei Jahren, in Deutschland dann!“
    Der Pfiff des Schaffners und winkende Hände, die mich plötzlich seine Geschwister wahrnehmen ließen, Ulla, Andrea mit Fred, Andreas, die Kleinen und die anderen alle, als seien sie erst jetzt aufgetaucht, in der Zwischenzeit gar nicht existent gewesen, weil es nur Carl gegeben hatte und das Geheimnis, welches es nötig gemacht hatte, jede Sekunde mit ihm ganz bewusst zu leben, ihn leben zu sehen.
    ‚Bis in zwei Jahren, in Deutschland dann!‘
    Ich sagte es mir wieder und wieder auf der langen Rückfahrt, wollte es mir einhämmern und hatte Angst davor, mir einzugestehen, dass das Gefühl, es werde kein Wiedersehen geben, stärker war.

    Als meine Großeltern zwei Jahre später wieder nach Rumänien fuhren, wäre ich am liebsten mitgefahren. Sie nahmen ein Geschenk mit für Carl, und ich wartete sehr auf einen Brief von ihm.
    Statt eines Briefes kam ein Telegramm:
    Carl tot
    Stopp
    erschossen auf der Flucht
    Stopp

    Mehr stand nicht darin. Es war genug.

    „Und genau an seinem Geburtstag“, holte mich Andreas Stimme in die Gegenwart zurück.
    „Wie?“
    Ich war ganz verwirrt, als ich feststellte, dass sich das Gespräch an der Kaffeetafel inzwischen auch um Carl drehte.
    „Ich hatte den Geburtstagstisch für ihn gedeckt, aber er kam nicht. Dafür kam Ulla und brachte die Nachricht.“
    An seinem Geburtstag auch noch! Das hatte ich nicht gewusst.
    „Und deine Großeltern kamen gerade noch rechtzeitig zur Beerdigung. Das war schrecklich.“
    Meine Großeltern, die mein Geschenk mitbrachten, das auch gerade rechtzeitig kam zur Beerdigung.
    Warum? Warum das alles?

    Ich fühlte eine unglaubliche Wut in mir aufsteigen, weil die Öffnung der Grenzen für Carl zu spät gekommen war – dreiundzwanzig Jahre zu spät. Ich war wütend darüber, dass Ceaușescu von goldenen Tellern gegessen hatte, während Carl in der Donau gestorben war, und auch über ihn selbst, weil er nicht gewartet hatte wie seine Geschwister, die noch lebten. Es gab keinen großen Unterschied zwischen dieser Wut und der Traurigkeit von damals, und ich verstand, dass es Wunden gibt, die niemals vernarben.

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