Nummer 487

    Nummer 487

    von Rosemai M. Schmidt

    Revierförster Reinhard Rau aus Bebenhausen war Anfang April Zeuge eines beunruhigenden Vorfalles. Auf dem Tübinger Polizeirevier in der Adenauerstraße musste ihm erst der eilig herbeigerufene Arzt einer nahen Praxis eine Beruhigungsspritze geben, da er nicht imstande war, zusammenhängend zu reden. Schließlich sagte er, immer noch zitternd, Folgendes aus:

    „Heute Nachmittag bin ich mit meinem Hund Harro vom Tübinger Reitstall her auf dem Begleitweg neben der Bebenhäuser Straße unterwegs. Der Himmel ist dicht, und ich denk‘ grade, es wird doch nicht regnen, da kommt das grelle Licht! Wie von ’nem Suchscheinwerfer. Ich schmeiß mich blitzschnell unter eine  Hecke. Harro winselt neben mir. Ich schau hoch und … der Teufel soll mich holen … da schwebt ’ne runde Scheibe wie’n Diskus über uns, aus der unten der Lichtstrahl ‚rauskommt. Ich denk‘ noch, hoffentlich kommt kein Auto, so wie das Ding blendet, da kommt auch schon eins. Und dann geht’s ganz schnell:
    Mit einem Mal setzt der Motor aus – pfft! Aus! Einfach so! Das Auto rollt in den Graben, die Fahrertür geht auf, der Fahrer will sich unter die Hecke werfen, nicht weit von mir. Ich seh‘ ganz deutlich seine Felljacke über dem gestreiften Pullover. Da kommt der Lichtstrahl ‚ran, bleibt über dem armen Kerl stehen, der plötzlich zu schweben anfängt, immer weiter ‚rauf, mitten im Strahl und – weg ist er. Drin in dem Ding! Das dreht ab und verschwindet hinterm Wald. Das Auto steht da noch, mit’m Zündschlüssel drin und die Tür offen.
    Ich renn‘ los, als wär‘ der Teufel hinter mir her. An der OMV-Tankstelle bei der Waldorfschule erwische ich zufällig ein Taxi, und jetzt bin ich hier. Sie können mich hängen, wenn ich’s versteh; ich versteh überhaupt nichts mehr.“

    Mit klappernden Zähnen nahm der Förster einen Schluck Kaffee, wobei er immer noch den Kopf schüttelte.

    Die Beamten, die kurz darauf das verlassene Fahrzeug, einen grünen VW Golf, durchsuchten, fanden nichts, was die Aussage des Försters widerlegt hätte. Einige Anwohner der Waldhäuserstraße berichteten im Gegenteil ebenfalls von einem hellen Licht, das sie zur fraglichen Zeit gesehen hatten.
    Der Fahrer des Wagens, ein Willi Fuhrer, blieb auf mysteriöse Weise verschwunden, und der Fall wurde nach wochenlangen ergebnislosen Recherchen ungeklärt zu den Akten gelegt.
    Doch nach vier Monaten erfuhr die Geschichte eine unverhoffte Fortsetzung.

    Familie Winkler aus Tübingen-Waldhausen bog, vergnügt radelnd, auf den Begleitweg neben der Bebenhäuser Straße ein. Sie waren alle fünf auf dem Weg zur Goldersbachklause. Dies war ein jährlich wiederkehrendes Ritual, mit dem sie sich auf die beginnenden Sommerferien einstimmten. Plötzlich schob sich ein Mann von der Straße durch die Büsche und winkte aufgeregt. Die Radfahrer stiegen ab, und betrachteten ihn erstaunt, denn er trug mitten im August eine Felljacke über einem gestreiften Wollpullover.
    „Entschuldigung, haben Sie zufällig meinen grünen VW-Golf gesehen? Der muss gestohlen worden sein!“
    „Leider nein.“
    Herr Winkler musterte den Mann. Er war sehr blass und hatte unnatürlich große Pupillen.
    „Aber das gibt’s doch nicht!“
    Der Mann fuhr sich aufgeregt durchs Haar.

    Plötzlich hörte man auf der Straße ein Auto nahen. Der Mann wandte sich um, rannte zurück zur Straße und mitten auf die Fahrbahn. Er zwang einen Streifenwagen, wild mit den Armen fuchtelnd, zum Halten.
    „Hallo“, rief er, „hallo! Sie kommen ja wie gerufen. Mein Auto ist nicht mehr da!“
    „Moment mal!“
    Der Polizist stieg so eilig aus dem Wagen, dass der Mann zurückprallte.
    „Wie heißen Sie?“
    Seine Stimme überschlug sich fast.
    „Willi Fuhrer“, kam die Antwort, „warum…?“
    „Wo kommen Sie her? Wo haben Sie seit April gesteckt?“
    Der Mann schaute hilflos zu Herrn Winkler zurück. Dieser trat neben ihn und sagte zu dem Polizisten: „Verzeihen Sie, aber ich glaube nicht, dass das die richtige Art ist, auf einen Autodiebstahl zu reagieren.“
    „Autodiebstahl?“
    Der Polizist schüttelte den Kopf.
    „Das Auto steht seit April in der Polizeigarage, weil der Besitzer angeblich von einem Ufo entführt worden sei soll.“

    Entgeistert starrte die Familie den blassen Mann an, aus dessen Zügen das blanke Entsetzen sprach. Plötzlich brach er röchelnd zusammen.
    Am Abend desselben Tages starb er, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben, und,da nach Befragen der Verwandtschaft eine Kremation nicht in Frage kam, wurde er auf dem Stadtfriedhof an der Seite seiner Frau beigesetzt.

    Das Geheimnis um Willi Fuhrer wurde nie geklärt. Selbst der Chefarzt der Tübinger Rechtsmedizin hatte den kleinen dunklen Fleck auf der Schulter des Toten für einen Leberfleck gehalten.
    Beim Blick durchs Mikroskop hätte er jedoch die winzigen Buchstaben einer Tätowierung erkennen können, akkurate Zeichen in einer unbekannten Schrift. Und hätte er sie lesen können, wäre eine verhängnisvolle Entwicklung vermieden worden.

    Die Botschaft hatte es in sich:
    ‚Medizinisches Versuchslabor für terrestrische Lebensformen. Objekt Nr. 487 nach erfolgreicher Implantation erkonischer Embryonen in die Testikel freigegeben für den Rücktransport vom Planeten Erkon nach Terra.‘

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