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Ungebremst über alles reden

Rezension von Dieter Feist

Richard Schuberth: Der Paketzusteller. Roman. Drava Verlag, Klagenfurt 2025.
300 Seiten, Hardcover, ISBN: 978-3-99138-114-3; 24 Euro

Vom selben Autor hatte ich schon einmal ein Buch vorliegen, eine Sammlung von Essays, gelegentlich ernsthaft, mehrheitlich satirisch, wenig augenzwinkernd bei maximaler Unversöhnlichkeit. Richard Schuberth, Österreicher, sarkastisch, bissig, ätzend, ganz so, wie wir Deutschen einen österreichischen Satiriker schätzen. Worum es da ging? – Identitätspolitik; schwer zu erklären, was damit gemeint ist, denn über Identitäten, die eigenen und die der anderen, äußern sich heute ständig alle, die sich irgendwie berufen fühlen, ob blöd oder intelligent, es ist ein alles-oder-nichts-Thema im politischen Diskurs, es ist ein Seinen-Senf-zu-allem-geben, was man für gesellschaftlich relevant hält, worüber man diskutieren, streiten, sich aufregen oder empören kann. Eine Logorrhoe der Adabeis. Man kann sich auch empören über andere, sie sich aufregen, eine Spezialität der politischen Rechten. Schuberth ist ein Linker, und seine intelligenten Ausführungen über alles Relevante in dieser Welt machen auch vor denen nicht halt, die sich ständig über alles Relevante dieser Welt äußern müssen. Ein Meister des perfiden Hintersinns.
Nun hat Richard Schuberth einen Roman veröffentlicht. Leser:innen der Essays dürften Stil und Inhalt bekannt vorkommen, denn das Generalthema ist dasselbe. Schuberth ist ein scharfsichtiger Beobachter des alltäglichen und politischen Lebens der Gegenwart, und das meiste, was er sieht, empört ihn und stachelt ihn an, Stellung zu nehmen: skalpellscharf, bitterböse, manchmal zynisch. Er „ist ein gekränkter Idealist“, der gegen das Schlechte in der Welt anrennt, wie Tucholsky einen Satiriker beschreibt, und Richard Schuberth ist einer, auch als Romanautor.

Das Anrennen gegen das Schlechte übernimmt nun eine Hauptperson: Gerhild Pfister, Ende vierzig, „Facebook-Queen“, wortmächtige Soziale-Medien-Junkie, nimmt sich die Freiheit, ungebremst über alles zu reden, und weil sie unheilbar krank ist und dem Tod ins Auge sieht, ist sie schier noch bissiger, ätzender und zynischer als ihr Autor, dem aus der Erzählerperspektive nur noch wenig zu ergänzen bleibt. Soviel zum Inhalt. Die eigentliche Handlung, auch in groben Zügen schwer wiederzugeben, bleibt dabei etwas auf der Strecke, ist oft schemenhaft, ein Rummelplatz der Ereignisse, undeutlich bunt, karussellhaft verwischt. Ein Panoptikum von Gestalten, die ihrem eigenen Untergang zusehen und das ständig kommentieren. Gibt es mal Hoffnung, ist das nur Anlass, erst recht daran zugrunde zu gehen.
Seine stärksten Momente hat der Roman da, wo die grelle virtuelle Exaltiertheit auf eine fahl ausgeleuchtete Lebenswirklichkeit trifft, wenn die mühsam aufrecht gehaltenen Fassaden bröckeln und die Personen, schutzlos, ratlos, manchmal sprachlos mit einer ungewohnt realen Welt konfrontiert sind, beobachtet von einem überraschend einfühlsamen Erzähler. Vielleicht sind es diese nicht allzu vielen Stellen, die den eigentlichen Reiz dieses Buchs ausmachen.
Der Rest ist Satire und die ist treffsicher und von überbordender barocker Formulierungslust; manchmal wundert man sich, dass zwischen den vielen Wörtern noch Platz für Punkt und Komma war.

Bleibt eine Frage: Kann ein Mann erzählende Prosa überzeugend aus der Perspektive einer Frau schreiben? Kann schon, natürlich, sieht man ja, ansonsten ist es eine Frage der Glaubwürdigkeit. Ich tu mich ein bisschen schwer damit, in beiden Richtungen übrigens, desto mehr, je größer die Identifikation zwischen Erzählenden und Handelnden ist. Aber das nur am Rande.
Der Satiriker Richard Schuberth hat einen Roman geschrieben und wer schonungslose und pfeilgerade Komik über die Absurditäten des einundzwanzigsten Jahrhunderts schätzt, wird sich hier fühlen wie in einem rasant geschnittenen Film.

 

 

 

 

 

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