Noch kein Dichter ist vom Himmel gefallen – aber auf die Nase schon

Martina Weber et al.: Lyrik schreiben und veröffentlichen – Zwischen Handwerk und Inspiration, Uschtrin-Verlag, München 2008. 2. und völlig überarbeitete Auflage, 236 Seiten, ISBN 978-3-932522-09-3

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Kann man schreiben lernen? Ist der Dichter ein Dichter, weil er glaubt, dass er einer ist? Ist jeder ein Dichter?

Gute Fragen, schwierige Antworten, und zwar immer ein- und dieselbe: Ja und nein. Die Autorin und Herausgeberin Martina Weber, Jahrgang 1966, Juristin, Fachbuchautorin, Jurorin und Dozentin, gibt die Antwort gleichsam mit: Schreiben liegt irgendwo zwischen Handwerk und Inspiration.

Noch nie war die Möglichkeit zu schreiben und zu veröffentlichen so leicht und bunt und vielfältig wie heute. Das Internet ist voller Foren mit Gedichte aller Art, Form, Stil, Können und Herkommen. Fast meint man, in einem Schwall von geschriebenem Wort regelrecht zu ertrinken. Der Überblick ist nicht mehr zu erreichen, der Kunstbegriff beliebig, die Wehrhaftig- und Widerstandsfähigkeit der Autoren gegen Kritik an ihren Werken fast schon legendär. Nicht selten hat der Kritiker das Gefühl, er begehe bei der kleinsten negativen Bemerkung ein Sakrileg, ein Vergehen an der Kunst eo ipso und per se, wenn er das Können des Autors und die Qualität eines Werks hinterfragt. Die Replik entgleist nicht selten, und dem Kritikaster schlägt beinahe der blanke Hass entgegen.

Wie sagt der renommierte Lyriker, Juror und Dozent der Darmstädter Kurt Dawert in seinem Interview S. 187 so schön, wir zitieren hier aus dem besprochenen Buch: „…Darum ist es immer ein bisschen blöd, wenn sich Autoren mit dem Hinweis auf andere Autoren, die vielleicht ebenso kühne Metaphern oder dergleichen benutzt haben, …, rechtfertigen wollen. …“

Das kommt nicht nur dem Rezensenten sehr bekannt vor, weshalb wir Einsendungen an die ASP-Redaktion nicht mehr kommentiert ablehnen. Was man an Antworten schon bei einer unkommentierten Rücksendung zurückbekommt, ist nicht sehr vergnügungssteuerpflichtig, ehrlich gesagt.

In der Regel werden dann die Meister wie Paul Celan bemüht, wobei sich die jeweiligen Autoren regelmäßig in der Liga vergreifen. Und weiter steht dort auf S. 189: „ … Nun kann es auch einmal eine Zeit der kulturellen Zombies geben, die gequirlten Quark für ein Kunstobjekt halten, und da kann man dann auch nichts anderes tun als sich wundern. …“ Haben wir gerade eine solche Zeit? Wenn man in den Internetforen (und manchem aktuellen Lyrikband) schmökert, könnte man den Eindruck gewinnen. Reflexion und realistische Einordnung des eigenen Vermögens lassen doch sehr zu wünschen übrig. Wie überhaupt festzustellen ist, dass Innen- und Außensicht immer weiter auseinanderzuklaffen scheinen.

Was kann man als angehender Autor dagegen tun? Einiges. Zum Beispiel sich den alten Meistern widmen, das hat noch nie geschadet. Und sich an ihnen reibend im Schreiben einüben.

Man kann aber auch ein Taschenbuch wie das hier vorliegende lesen und danach sich das Eine oder Andere als Fitnessprogramm für Sprachausdruck und Schreibfähigkeit verordnen. Nicht nur wird diesem Nachschlagewerk über moderne Stil- und Ausdrucksmittel mit Beispielen und Erläuterungen referiert, nein, es wird der ganze Kanon Stil- und Formmitteln der deutschen Lyrik abgearbeitet, Reim, Metrum, Rhythmus, Metaphern usw. usf. Auch für den Rezensenten, der sich selbst – sagen wir einmal vorsichtig – als wenigstens Fortgeschrittenen bezeichnen darf, war viel Bedenkens- und Wissenswertes zu finden. Auch er wird daher den einen oder anderen Rat von Martina Weber für sich nutzen können.

Doch damit nicht genug. Der Band bietet daneben zusätzlich Hinweise für regelrechte Schreiblehrgänge und poetische Werkstätten, er geht auch auf sinnvolle Verfahren und Strategien ein, wie man nach und nach sich eine Rückkopplung der persönlichen Schreibfertigkeit verschaffen kann. Schließlich zeigt er auf, wie man über Lesungen, Teilnahme an Wettbewerben, die Veröffentlichung in Literaturzeitschriften an die Kür der Lyrikveröffentlichung in einem professionellen und renommierten Verlag vorankommt. Besonders die Quellenhinweise, die Übersicht über Verlage und Zeitschriften, die vielen Internetlinks im Serviceteil des Buches sind sehr zu empfehlen. Auch eine kurze Einführung in das Urheberrecht und den Verlagsvertrag fehlt nicht.

Man kann sicherlich über das Eine oder Andere, das im Buch als Statement bzw. Thesen zum Thema Poetologie und darüber verloren wird, wie man gute von schlechter Lyrik unterscheiden könne, trefflich streiten. Aber selbst ihre Thesen differenziert die Autorin und Herausgeberin in Gesprächen, Interviews, Fremdbeiträgen und den vielen sehr lesenswerten Zitaten renommierter Lyriker und Gedichtsexperten wieder aus.

Martina Weber ist hier ein Band gelungen, den man rundherum das Signet „Jedem, der Dichter werden will, als Herz gelegt“ geben kann. Was für die ASP-Leser heißt: Ein klarer Kauf. Und wenn dazu die Kröten nicht reichen, kann man es ja mit der lokalen Bücherei oder dem Gebrauchterwerb bei den bekannten Quellen versuchen.

Weltweitweb im August 2008

Walther

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