Mara Laue: Von der Idee zum fertigen Text VSS Verlag

Von der Kunst des Prosaschreibens – 20. Show, don’t tell! – Charakterbeschreibung

von Mara Laue

Viele Schreibbegeisterte glauben, dass die Beschreibung des Charakters unserer Figuren besonders schwierig sei. Wenn wir überlegen, wie wir den Charakter unserer besten Freundin, des besten Freundes oder von Familienangehörigen beschreiben sollten, fallen uns auf Anhieb etliche Eigenschaften ein, die wir mit ihnen in Verbindung bringen: Hilfsbereitschaft, Humor, Freundlichkeit, Neigung zur Angeberei, vorlaut, eigenbrötlerisch … Was auch immer. Aber wie beschreiben wir die, ohne diese Eigenschaften als Substantive oder als Adjektive = Eigenschafts-Wörter aufzuzählen, die wenig aussagekräftig sind?

In der Literatur haben wir den großen Vorteil, dass wir gerade für Charakterbeschreibungen gar nichts direkt „beschreiben“ müssen. Wir lassen unsere Figuren selbst ihren Charakter offenbaren, und zwar durch das, was sie tun. Das „berichten“ sie entweder selbst (Ich-Perspektive oder erlebte Rede in der dritten Person Singular), oder das wird von der Person, in deren Perspektive wir schreiben, beobachtet und reflektiert. In jedem Fall sprechen ihre Handlungen und/oder ihre Gedanken für sich und offenbaren mehr, als wir über sie erzählen könnten.

Auch hierbei gilt, dass wir gerne eine unserer Figuren die eine oder andere Eigenschaft einer Person in wörtlicher Rede offenbaren lassen dürfen: „Mann, der Arsch aus der Erdgeschosswohnung ist der unfreundlichste Mensch, den ich kenne! Hat der Kerl mir doch glatt die Haustür vor der Nase zugeschlagen, obwohl er gesehen hat, dass ich nur noch zwei Schritte entfernt war.“ Außerhalb von Dialogen genügt aber, um beim Beispiel zu bleiben, den Lesenden zu beschreiben, dass „der Kerl aus der Erdgeschosswohnung“ die hinter ihm kommende Person sieht und auch erkennt, dass sie ebenfalls ins Haus will, und trotzdem die Tür zuschlagt, statt sie aufzuhalten. Daraus ziehen die Lesenden zweifelsfrei den Schluss, dass dieser Mensch ein „unfreundlicher Arsch“ ist.

Auch beim Beschreiben von Charaktereigenschaften sind Neulinge oft bestrebt, den Lesenden zumindest den Charakter ihrer Hauptfiguren als „geballte Ladung“ an einem Stück zu schildern = aufzuzählen. Auch hier im besten Bestreben, dass die Lesenden die Figuren möglichst schnell vollständig kennenlernen. Sie lassen dabei jedoch drei Dinge außer Acht.

  1. Eine steckbriefartige Aufzählung, auch wenn es sich hier um Charaktereigenschaften handelt, liest sich langweilig. Sie ist zudem wenig aussagekräftig. Um beim obigen Beispiel zu bleiben: Wenn nur gesagt wird, dass „der Arsch aus der Erdgeschosswohnung der unfreundlichste Mensch ist, den ich kenne“, ergibt das für die Lesenden kein klares Bild. Seine Unfreundlichkeit könnte statt der begangenen Gemeinheit mit der zugeschlagenen Tür auch nur darin bestanden haben, dass er nicht gegrüßt oder die berichtende Person finster angestarrt hat. Die vor der Nase zugeknallte Tür ist ein ganz anderes Kaliber der Unfreundlichkeit und „spricht Bände“. „Unfreundlichster Mensch“ ohne Beispiel für die Unfreundlichkeit gibt also keine klare Auskunft.
  2. So eine Aufzählung ist die „Stimme aus dem Off“, die über unsere Figuren etwas „nacherzählt“. Doch das hat keinen Bezug zur Handlung, weil es keine Situation gibt, in der sich alle Charaktereigenschaften einer Person auf einmal offenbaren. Außerdem ist überflüssig, auch Charaktereigenschaften aufzuzählen (oder nach allen Regeln der Beschreibungskunst zu zeigen), die für die Gesamthandlung des Textes oder Teile davon gar nicht relevant sind. Das würde den Text überfrachten.
  3. Im wahren Leben lernen wir eine Person und ihren Charakter auch nicht gleich am ersten Tag unserer Bekanntschaft vollständig kennen. Wir haben zunächst einen oberflächlichen Gesamteindruck, der sich bei weiteren Begegnungen bestätigt oder nicht, sich in jedem Fall aber vertieft. Je länger wir eine Person kennen und in je mehr verschiedenen Situationen wir sie erleben, umso mehr Charaktereigenschaften offenbaren sich uns. Was manchmal darin gipfelt, dass diese Person uns mit einem Verhalten komplett überrascht, das wir ihr auf der Basis unserer bisheriger Erfahrungen mit ihr im Leben nicht zugetraut haben. Das kann positiv oder auch negativ sein. Unsere fiktiven Figuren werden für die Lesenden umso interessanter, je mehr ihrer Facetten wir erst nach und nach offenbaren.

Besonders bei Liebesromanen kommt das zum Tragen, wenn sie so aufgebaut sind, dass die beiden künftig Liebenden erst einmal kräftig aneinander geraten und beide die jeweils andere Person für „das Letzte“ halten. Erst bei weiteren Begegnungen wird dieser Eindruck revidiert – und zwar durch das Verhalten der beiden, das den ersten negativen Eindruck widerlegt. Für genau diesen Effekt (nicht nur in Liebesromanen) eignet sich perfekt die Methode, unsere Figuren durch ihre Handlungen zu charakterisieren!

Das gilt besonders für ambivalentes Verhalten. Wie reale Menschen haben auch unsere Heldinnen und Helden nicht nur strahlende und „gute“ Seiten. Sie benehmen sich ab und zu daneben, reagieren, weil sie selbst verletzt wurden, schon mal ungerecht, bissig, rasten (verbal) aus, zerschlagen das sprichwörtliche „Porzellan“ und so weiter. Hinterher tut ihnen ihr Verhalten leid. Aber sie sind vielleicht zu stolz oder immer noch zu wütend, um sich zu entschuldigen. Das liest sich zum Beispiel so:

Nina starrte auf den Bildschirm, ohne etwas von dem Film mitzubekommen. In ihr brodelte immer noch glühende Wut-Lava über Dirks Eigenmächtigkeit, einfach einen Urlaub für sie beide zu buchen, ohne das mit ihr abzusprechen. Seine dadurch demonstrierte Übergriffigkeit auch noch als Großzügigkeit zu deklarieren, für die Nina dankbar sein sollte, war der Gipfel der Gönnerhaftigkeit!
Okay, vielleicht hatte er es tatsächlich nur gut gemeint, aber Nina fühlte sich übergangen, was ihr das Gefühl gab, wieder ein kleines Mädchen zu sein, über das andere bestimmten und das dankbar zu sein hatte, weil man doch nur ihr Bestes wollte. Ohne überhaupt zu wissen, was das Beste tatsächlich für sie war, weshalb sie allzu oft hatte leiden müssen.
Und ja, ihn deswegen einen Macho-Arsch zu schimpfen, der nur mit seinem Geld protzte, war daneben gewesen. Ihm zu unterstellen, er wolle sie wohl mit der Aktion kaufen, war unterste Schublade. Sie sollte – müsste sich bei ihm entschuldigen. Aber, ha! Solange er sich aufführte, als gehöre ihm die Welt und sei nur dafür da, seine Bedürfnisse zu erfüllen, konnte er darauf lange warten!

Nina hat in dem Streit mit Dirk überreagiert, und das ist ihr klar. Sie bereut, was sie ihm an den Kopf geworfen hat, auch wenn das nicht direkt ausgesprochen wird. Es steht zwischen den Zeilen und ergibt sich aus ihren Gedankengängen. Grundsätzlich ist sie zwar bereit, sich bei ihm zu entschuldigen, aber noch überwiegt die Wut, die das nicht zulässt. Ob ihre Vorwürfe gegen ihn berechtigt sind oder sie, wie angedeutet, unbewusst üble Kindheitserlebnisse auf ihn überträgt, ist für diese Szene unwichtig und würde zu einem späteren Zeitpunkt erklärt werden (müssen). Zum Beispiel dadurch, dass Nina selbst das anspricht, wenn sie sich bei Dirk entschuldigt. Oder dass eine Person, die Nina gut kennt, ihm das in einem Dialog erklärt.

HINWEIS: Beim Entwerfen unserer positiven Hauptfiguren („Heldinnen/Helden“) müssen wir darauf achten, sie nicht zu positiv, aber auch nicht zu negativ darzustellen. Unser Ziel als Autorin/Autor ist (unter anderem), dass sich die Lesenden mit mindestens einer der Figuren identifizieren können und sollen, weil man nur über eine Identifikationsfigur tief in die Geschichte eintauchen kann. Haben wir eine Figur ohne „Fehl und Tadel“ erschaffen, die nur gut und in allem perfekt ist, ist eine Identifikation mit ihr unmöglich, weil wir selbst (als Lesende) dieser Person nicht das Wasser reichen können. Ist sie zu negativ und benimmt sich permanent wie ein Kotzbrocken, wollen wir uns gar nicht mit ihr identifizieren und können das auch nicht, weil wir selbst nicht so sind. Unsere Heldinnen und Helden müssen also realistische (!) Ecken und Kanten, Fehler und Schwächen haben, um als „reale“ Menschen wahrgenommen zu werden. Aber die positiven Eigenschaften und Verhaltensweisen sollten immer überwiegen.

Das Stilmittel, Charakteristika von Personen (und andere Dinge) „nebenbei“ einzuflechten, funktioniert für nahezu jedes Thema hervorragend. Mit diesem Mittel können wir ohne „erhobenen Zeigefinger“ für die Lesenden erklären, was eine Person über die aktuelle politische Lage, ein soziales Problem, eine Bevölkerungsgruppe oder Minderheiten denkt. Lassen wir eine Figur beim Anblick einer Flüchtlingsfamilie reflektieren, dass für diese Leute noch viel mehr getan werden müsste und überlegen, was sie selbst dazu beisteuern kann, sagt das ebenso viel über sie aus wie wenn sie sich wünscht, „diese Schmarotzer“ sollten besser dahin (zurück)gehen, wo der Pfeffer wächst. Das genügt, um den Lesenden ein Bild davon zu vermitteln, „wes Geistes Kind“ der/die Betreffende ist. Wir brauchen nicht noch ausdrücklich zu sagen oder jemanden über diese Person sagen zu lassen, dass sie ausländerfeindlich oder Neubürgerinnen/Neubürgern zugetan ist. Denkt eine Person beim Anblick eines sich küssenden schwulen Paares, man solle diese „widernatürlichen Ausgeburten der Hölle“ allesamt hinrichten, charakterisiert dies ebenso wie der von einem Lächeln begleitete Gedanke, wie wunderbar doch die Liebe ist, egal wohin sie fällt. Jeder Mensch, der das eine oder andere liest, hat sofort ein klares und eindeutiges Bild von der betreffenden Figur. Unnötig zu sagen, dass sie „nichts gegen Schwule hat“ oder „homophob eingestellt“ ist.

Aber nicht nur durch den Charakter selbst lassen sich Ihre Figuren „zeigend“ beschreiben. Der Kleidungsstil und die Einrichtung der Wohnung, die Wahl und der Zustand des Autos (gepflegt oder nicht) und sogar die Wahl der Wohnung selbst (Hochhaus oder Einfamilienhaus, Mietwohnung im „Bunker“ oder mit wenigen Parteien zusammen, in der Stadt oder auf dem Land), auch der Inhalt des Kühlschranks und der des Bücherregals oder die Abwesenheit eines solchen sagen sehr viel über die Persönlichkeit eines Menschen aus.

Um jemanden als schlampig zu charakterisieren, brauchen wir nur wertungsneutral (!) durch eine andere Person, die vielleicht beim „Schlamper“ zu Besuch ist, zu beschreiben, dass sich im Sonnenlicht eine dicke Staubschicht auf den Regalen offenbart oder das schmutzige Geschirr in der Spüle schon Schimmel angesetzt hat. Dann müssen wir nicht einmal eine dies betrachtende Figur sagen oder denken lassen, dass das ekelhaft ist, denn den Schluss ziehen die Lesenden selbst.

Wollen wir jemanden als eine auf Äußerlichkeiten bedachte Person charakterisieren, genügt zu beschreiben, dass deren/dessen Auto spiegelblank geputzt ist, auf den Möbeln nicht das winzigste Staubkörnchen zu sehen ist, im Badezimmer etliche Schönheitscremes und/oder Schminkutensilien in Reih’ und Glied stehen und sehr intensiv benutzt aussehen oder er/sie sich sogar in der Freizeit nicht leger sondern wie aus dem Ei gepellt kleidet, so ist das sehr aussagekräftig. Das erspart uns, eine unserer Figuren über diesen Menschen plump sagen zu lassen, das Äußere sei ihm/ihr offenbar wichtiger als die inneren Werte.

Um jemanden als Egomanen zu outen, zeigen wir den Lesenden, dass er in seinem Büro eine Wand voller plakatgroßer Fotos oder „nur“ in DIN-A4-Größe hat, die ihn selbst in verschiedenen Posen oder zusammen mit berühmten Persönlichkeiten zeigen oder dass er an exponierter Stelle, wo jeder förmlich mit der Nase darauf gestoßen wird, in einer Vitrine den einzigen Preis ausgestellt hat, den er jemals gewonnen hat. Dann müssen wir nicht einmal diese Figur selbst angeben lassen in der Art des alten Werbespots „Mein Haus, mein Auto, mein Pferd!“, um eben dieses Angeberische aufzuzeigen. Lassen wir ihn aus dem Auto aussteigen und ins Haus gehen, ohne auf seine Begleiterin zu warten, die sich beeilen muss, um ihn einzuholen, sagt das mehr über sein Verhältnis zu seiner Frau (oder Frauen allgemein), als wenn wir den Lesenden erklären: „Er besaß nicht einmal den Anstand, auf seine Frau/Begleiterin zu warten.“ Diesen Schluss ziehen die Lesenden durch „sein“ Verhalten zweifelsfrei selbst.

Wenn wir uns dieser Methoden der Charakterisierung bedienen, haben wir unendlich viele Möglichkeiten, subtil und dennoch eindringlich zu zeigen, aus welchem Holz eine Person geschnitzt ist, welchen Charakter sie besitzt. Kleine Tricks – große Wirkung!

WICHTIG:

Unsere Figuren tragen sehr zur Entwicklung der Spannung in der Geschichte bei. Deshalb gilt auch für sie die Prämisse der Stringenz:

  • Wir beschreiben von unseren Figuren immer nur das, was wirklich notwendig ist und für die Handlung eine Rolle spielt. Wenn es für die Heldin unwichtig ist = keine bleibenden Folgen für den Rest ihres Lebens hat (die wiederum die Handlung des Textes beeinflussen), dass sie in der Grundschule wegen ihrer Zahnspange gehänselt wurde, hat diese Information in der Geschichte auch nichts zu suchen und hielte sie nur auf.
  • Wir beschreiben unsere Figuren durch deren Handlungen und Gedanken oder einen Dialog, aber niemals als Aufzählung von (Charakter-) Eigenschaften oder Verhaltensweisen. Dies gilt besonders für das Aussehen.
  • Wir verzichten auf alle Figuren, die für die Handlung keine Rolle spielen. Geht unser Held im Supermarkt nur an der Käsetheke vorbei, ohne dort etwas zu kaufen, ist überflüssig zu erwähnen, ob dahinter eine Verkäuferin steht oder gar wie sie aussieht. Hat unsere Heldin eine Freundin, deren einzige Rolle ist, dass sie ab und zu mit ihr ein Bier trinken geht und über Gott und die Welt plaudert, ist eine Szene, in der die beiden nichts anders tun als eben das, überflüssig und verschleppt die Handlung.

In der nächsten Folge:

Spannungserzeugung – nicht nur für Krimis, Teil 1

One thought on “Von der Kunst des Prosaschreibens – 20. Show, don’t tell! – Charakterbeschreibung

  1. Hallo, Mara,
    bravo! Besser kann man gute Personenbeschreibungen der Autorin oder dem Autor nicht schmackhaft machen. “Subtil und dennoch eindringlich” sind neben “nebenbei” die Schlüsselwörter, die die Methode verdeutlicht, mit der Figuren eingeführt werden wollen, um der Leserschaft zu gefallen – und sich genau dadurch interessant machen, dass sie nicht mit der Tür ins Haus fallen. Die Beispiele finde ich treffend gewählt, durch ihre Nähe zur verbalen Grenzwertigkeit (OK, hängt vom Genre ab!) sind sie besonders anschaulich. Wie immer eine tolle Lehrstunde, wie ich gut und unterhaltend kreativ schreiben kann. Danke dafür!
    LG. Michael

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