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Ein Tag im Leben von Caroline und Rita

Kurzprosa von Jürgen Pigors

Es ist 04.30 Uhr. Ritas Wecker summt diskret. Sie hat ihn so eingestellt, dass ihre beiden Kinder nicht in ihrem tiefen Schlaf gestört werden. Es muss schnell gehen. Wie jeden Morgen.
Pünktlich um 5.15 Uhr steht sie am Eingang zum Bürogebäude und friert. Zusammen mit zehn anderen Frauen, mit denen sie die fünf Etagen bis um sechs Uhr gereinigt haben muss. Der Nachtwächter lässt sie fünf Minuten vor der Tür stehen. Wieder einmal. Regelmäßig nutzt er sein bisschen Macht aus.
Jetzt muss es noch schneller gehen.
Saugen, wischen und schnell wieder nach Hause. Hoffentlich ist keines der Mädchen wach geworden. Dann kommen wieder die ungefragten Ratschläge der Nachbarin. „Die Kinder brauchen einen Vater!“ oder „Das mit Ihrem Mann ist doch schon ein Jahr her. So eine gutaussehende Frau wird doch schnell wieder einen Mann finden!“.
Rita öffnet die Tür zum Kinderzimmer. Sofort ist die Spannung weg. Sie lehnt sich gegen den Türrahmen, und ein Lächeln huscht über ihr Gesicht. Die Kinder schlafen tief und fest, die Kuscheltiere im Arm. Erleichtert geht sie in die Küche, weicht Haferflocken in Mandelmilch ein, schneidet frisches Obst und macht liebevoll die Pausenbrote.

Am anderen Ende der Stadt spielt ein Handywecker dezent eine schöne Melodie. Caroline wacht auf. Missmutig, wie jeden Morgen. Sie schimpft auf alles. Auf die teuren Cocktails, die ihr offensichtlich nicht bekommen sind, auf den gutaussehenden, aber langweiligen Typen, der den ganzen Abend nur von seinem Porsche und seinem Golfhandicap erzählt hat. Und auf ihren Job.
Sie arbeitet im väterlichen Betrieb. Wobei arbeiten nicht der richtige Ausdruck ist.

Bei Rita zu Hause werden die Kinder für die Schule angezogen. Am Frühstückstisch wird noch etwas geplaudert und gelacht. Dann geht es in Richtung Schule. Mit dem zehn Jahre alten Toyota. 167.000 km ist er gelaufen. Seit – sie weiß es nicht mehr genau – wann leuchtet eine Warnlampe. Aber sie hat kein Geld für die Werkstatt, schon gar nicht für ein neues Auto.
An der Schule werden die Kinder gedrückt und geküsst. Wenn sie den Schulhof betreten haben, fährt sie weiter. Zum Supermarkt.

Caroline macht sich erst einmal einen Cappuccino aus der neuen Saeco Kaffeemaschine. Aber so richtig schmeckt er heute Morgen nicht. Wofür habe ich die 1.100 Euro bezahlt? Im Kühlschrank sind Serano-Schinken, die italienische Salami aus dem Feinkostladen, der norwegische Wildlachs, aber statt der gewünschten Himbeer – steht da Erdbeermarmelade! Wütend schmeißt sie die Kühlschranktür zu.
Der Blick in die Obstschale lässt ihre Wut noch ansteigen. Orangen, Kiwi, Äpfel und Pfirsiche, aber keine Bananen! Sie schimpft lauthals auf ihre Zugehfrau. Eine Rentnerin, seit langem Witwe, die für 50 Euro in der Woche ihre Wohnung putzt, ihre Wäsche und den Einkauf macht.
Man bekommt heutzutage kein vernünftiges Personal mehr. Sie wird sich tatsächlich ihre geliebten Bananen selbst im Supermarkt kaufen müssen. Es ist wieder spät geworden. Sie wird wieder zu spät kommen. Egal. In ihrem neuen Hosenanzug, Armani Emporio für 750 Euro, steigt sie in ihr 3er BWM-Cabrio. Den Wagen hat sie jetzt ein Jahr. Zeit für einen neuen. Aber sie fürchtet, dass ihr Vater sich wieder so anstellen wird.

Rita kommt soeben pünktlich an ihrem Supermarkt an. Pünktlichkeit ist wichtig. Wichtig für die Kunden. Mittlerweile müssen sie den gesamten Supermarkt mit vier Mitarbeitern händeln. Kassieren, Regale einräumen, Kundenbeschwerden aufnehmen und Zulieferer einweisen.
Teilweise können sie keine Pause machen, aber ein Controller in einem schicken Anzug hat ihnen erklärt, wie sie ihre Arbeit machen müssen und dass vier Mitarbeiter eher zu viel als zu wenig sind. Danach haben sie ihn nie wiedergesehen.
Dieser Druck hat sie zusammengeschweißt. Jeder steht für den anderen ein, und sie treffen sich auch gelegentlich privat. Zwei Minuten vor Neun wird der Laden geöffnet. Rita wird heute die Kasse besetzen.

Widerwillig betritt Caroline den Supermarkt. Die Bananen sind schnell gefunden, und dann geht’s zur Kasse. Sie muss sich anstellen. Endlich ist sie an der Reihe. Die Blicke von Rita und Caroline treffen sich.
„Haben Sie die Bananen abgewogen?“
„Ich muss das auch noch selbst abwiegen?“ Caroline stützt die Hände in die Hüften.
„Das macht nichts“, sagt Rita freundlich, „ich mache das für Sie.“
Caroline nimmt das Gemurre hinter ihr wahr und vor allem ein kaum hörbares „die feine Dame kauft wohl selten ein“.
Rita nimmt nach etwa dreißig Sekunden wieder Platz und gibt den Preis ein.
„Wo waren Sie so lange?“, blafft Caroline sie an. Und mit einem aufgesetzten Lachen ergänzt sie, „haben Sie die Bananen in Afrika gepflückt?“
Sie dreht sich zu den wartenden Kunden um, immer noch das aufgesetzte Lachen im Gesicht. Aber sie guckt nur in verständnislose Gesichter. Rita steckt solche Sprüche locker weg wie ein Boxer eine schlappe Gerade.

Im väterlichen Betrieb angekommen stampft Caroline mit schnellen Schritten auf ihr Büro mit der Aufschrift „Assistentin der Geschäftsleitung“ zu. Im Großraumbüro kennen alle diesen Schritt und senken automatisch den Kopf. Zu gewaltig ist die Angst vor ihren Wutausbrüchen.
Vor ihrem Büro wird sie von ihrem Vater empfangen, der sie zu sich ins Büro bittet. Ihr Vater, der in 35 Jahren die Firma zu dem aufgebaut hat, was sie ist. Ihr Vater, der nur eine Woche Urlaub im Jahr macht. Ihr Vater, der mittags seine selbstgemachten Butterbrote isst. Ihr Vater, der morgens der erste und abends der letzte ist.
Sie verdreht die Augen. Jetzt kommt wieder der Vortrag, dass sie das Gymnasium in der 11. Klasse abgebrochen hat. Genauso wie die Ausbildung, die sie danach begonnen hat. Vor Wochen hatte sie eigenverantwortlich beim Zulieferer Materialien bestellt, die sich aber als falsch herausstellten. Die Lieferung ging zurück, und die Firma konnte einen halben Tag nicht produzieren.
Retouren mussten bezahlt, Kunden beruhigt werden.
„Ich zahle dir 6.000 Euro im Monat“, beginnt der stets ruhige Firmenchef als er von seiner Tochter unterbrochen wird.
„Weißt du eigentlich“, schreit sie und richtet den Zeigefinger auf das Fenster, „wie teuer das Leben da draußen ist? Ich komme mit dem Hungerlohn soeben über die Runden.“
Gleichgültig nimmt sie die Ausführungen ihres Vaters zur Kenntnis. Wieder droht er mit dem Verkauf der Firma, mit der Einsetzung eines Geschäftsführers oder gar die Überführung der Firma in eine Stiftung.
In ihrem Büro setzt sie sich vor die drei Mappen, deren Inhalt sie bearbeiten soll. Wo bleibt der Dank für meine Arbeit? In diesem Scheißladen mache ich überhaupt nichts mehr. Um 13 Uhr meldet sie sich ab. Kopfschmerzen!

Rita hat ihren Halbtagsjob ausnahmsweise ohne die üblichen unbezahlten Überstunden verlassen können.
Im Toyota leuchtet wieder das Warnlicht. „Einfach ignorieren“, hat ihr Arbeitskollege gesagt. Sie ist tatsächlich etwas zu früh an der Schule. Das Eiscafe! Sie geht an Schaufenstern vorbei, in die sie schon lange nicht mehr reinguckt, setzt sich und bestellt einen Cappuccino für 2,70 Euro. Sie hat ein bisschen ein schlechtes Gewissen. 2,70 Euro! Dafür kann sie für sich und die Mädchen Nudeln und Tomatensoße zum Abendessen machen.
Sie genießt Schluck für Schluck das herrliche Getränk. Sie verfällt in Gedanken. Als sie Christian zum letzten Mal gesehen hat. Ihren Freund und liebevollen Vater ihrer Töchter. Wie er auf sein Mountainbike steigt und ihr Küsschen zuwirft. Und an den LKW-Fahrer, der im Gerichtssaal unter Tränen beteuert, dass er in den Seitenspiegel geguckt, aber beim Rechtsabbiegen den Radfahrer nicht gesehen hat.
Das freudige Rufen ihrer Kinder bringt sie in die Gegenwart zurück. Unterwegs im Auto erzählen sie ihrer Mutter, teilweise beide auf einmal, was sie in der Schule erlebt haben.
Zuhause werden Hausaufgaben gemacht, die kleinen und großen Sorgen besprochen und das frisch gekochte Abendessen vorbereitet. Aber um 17 Uhr muss Rita noch einmal für eine Stunde weg. Eine Putzstelle in der Arztpraxis. Das bringt 20 Euro für die Familienkasse. Die Mädchen kennen das. Eine Stunde allein sein.

Nachdem sich Caroline bei einem Nachmittagsschlaf von ihren Kopfschmerzen erholt hat, stylt sie sich zum Abendvergnügen. Sie sucht sich einen ihrer bevorzugten Hosenanzüge aus. Einen von zwanzig. Das kostet Zeit. Und dann will noch die passende Handtasche gefunden werden!
Um 20 Uhr öffnet der feudale Club. 30 Euro Eintrittsgeld sorgen für ein angemessenes Publikum. Caroline setzt sich an ihren Stammplatz, bestellt ihren 15 Euro teuren Lieblingscocktail.
Schon bald gesellt sich ein flüchtiger Bekannter zu ihr. Der stark Übergewichtige legt demonstrativ den Mercedesschlüssel auf den Tisch. Er habe sich einen neuen S 500 gekauft. Aber für 83.000 Euro habe er doch mehr erwartet. Mercedes sei halt auch nicht mehr das, was es einmal war.
Die belanglosen Gespräche kommen beim Thema Reich und Arm an. „Die sogenannten Armen“, philosophiert Caroline und setzt mit den Fingern Anführungszeichen in die Luft, „müssen einfach nur ihren faulen Arsch bewegen. Dann kommen sie schon hoch. Ich muss auch jeden Tag für mein Geld arbeiten.“
Nach sechs Cocktails, zu denen der schwabbelige Typ sie nach und nach einlädt, legt er seine fetten Finger auf ihren Oberschenkel – relativ weit oben. Angewidert verabschiedet sie sich unter einem Vorwand und fährt nach Hause.
Sie trinkt noch einen 25 Jahre alten Highland Park – 105 Euro für die 0,5 Liter Flasche. Qualität hat halt ihren Preis. Leicht schwankend geht sie in Richtung Bett. Das Leben ist so ungerecht zu mir.

Rita liegt mit ihren Kindern im Bett und liest vor. Plötzlich klappt das Buch nach vorne auf die Bettdecke. Die Mädchen lächeln sich an. Mama ist eingeschlafen. Mal wieder. Sie kuscheln sich an ihre Mutter und schlafen auch schnell ein.
Rita wird später nachts aufwachen und in ihr eigenes Bett wechseln. Sie muss an Christian und den Toyota denken. Um 4.30 wird der Wecker summen. Ganz diskret, damit die Kinder nicht aufwachen.

 

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