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Im Opiumrausch

Satire von David M. Henne

All jenen Politikern, CDU wie SPD, FDP wie AfD, Grüne wie Linke, die in Wahlkampfjahren stets den gleichen Sermon von sich geben: »Kinder sind unsere Zukunft«, »Bildung ist der Schlüssel zur Gleichheit«, »Schulen müssen modernisiert werden«, sollte man den Mund zunähen.
Die Machtkonzentration des deutschen Bildungswesens bildet die Kultusministerkonferenz, kurz die KMK. In der KMK werden seit jeher mit Informationen vollgepackte PowerPoint-Folien präsentiert, Ideen vorgestellt, Vorschläge gemacht und verworfen. Für die Gäste gehört es zum guten Ton, auf die Projektion an der weißen, fleckigen Wand zu stieren und halbherzig zuzuhören, während sie auf dem Handy einen neuen Highscore in Candy Crush erringen.

In diesem Jahr war die Stimmung noch bedrückter als sonst. Der Lehrermangel – seit Jahren schon ein treuer Begleiter auf diesen Treffen – zeigte sich in all seiner zerstörerischen Hässlichkeit. Lange Zeit konnten sich die Minister herausreden. Die politische Wortakrobatik war wohl bekannt und konnte wahlweise in ermüdend langen Satzphrasen münden oder in aggressiven Schuldzuweisungen. Dabei war es egal, ob man eine andere Partei, die Kanzlerin oder ominöse, nie definierte Strukturen als Sündenbock ausmachte, wichtig war, dass man seine Unschuld zeigte, dass man den Zuhörern erklärte, die Probleme mochten da sein, aber sie waren nicht dafür verantwortlich, ihnen waren die Hände gebunden, ginge es nach ihnen, das Problem wäre längst gelöst.
Am Ende lag es an der Kohle. Ja, es scheiterte doch immer am schnöden Mammon. Deutschland, eines der reichsten Länder der Welt, hatte die Schulen über viele Jahre runtergewirtschaftet, bis sie nur noch ein Gerippe waren, bar jeglichen Fleisches. Nur in Belgien wird der Steuerzahler noch stärker zur Kasse gebeten, aber die Milliarden für die Sanierung der langsam in sich zusammenfallenden Schulen will man trotz hehrer Wahlversprechen nicht locker machen.
Probleme hatte man jahrelang aufgeschoben, manchmal weit über ein Jahrzehnt, aber unweigerlich holten sie einen ein, wurden lauter, fordernder, penetranter. Und jetzt suchte das Schreckgespenst des Lehrermangels das Land heim.

So setzte sich die Gemeinschaft der Kultusminister zusammen und bemerkte, wie schädlich sich ihre fehlerhaften Prognosen auf das Bildungswesen auswirkten. Weise Männer mit grau melierten Bärten hielten fest an ihren Gehstöcken, als wären sie das irdische Pendant von Moses‘ Schlangenstab.
Dickliche Frauen brachten selbstgebackene Kekse mit, um den Unmut der Runde zu schmälern und vergingen sich selbst mehrfach an den eigenen kalorienreichen Kreationen.
Glaskugeln wurden zu Dutzenden aufgestellt und Pentagramme mit Kreide auf Böden gezeichnet. Satanische Beschwörungsformeln rezitierte man in der allgemeinen Verzweiflung und den Antichristen selbst wollte man um Hilfe bitten, Herr dieser aussichtlosen Lage zu werden.
Und irgendwann, als das Opium den Tagungsraum vollständig vernebelte und die Kollegen zu verrauchten Silhouetten wurden, da kamen ihnen die Antworten, die den Lehrermangel beheben sollten.

Ein Greis, dem Rang nach der Präsident, fiel auf die Knie, die Arme gen Saaldecke ausgestreckt, das Hemd soweit aufgeknöpft, dass sich die weißen Brusthaare herauskräuselten und schrie voller diabolischer Überzeugung: „Die Alten! Ja, die Alten, die werden es schaffen.“
Er führte die abgeknabberten nikotingelben Fingernägel zum Mund.
„Wir müssen die Pensionäre wieder zurückholen! Ja, die müssen wir wieder zurückholen, unsere Helden vergangener Tage.“
Er sprach und die Kultusminister segneten mit einem ekstatischen Singsang die Idee ab.

Denn sie wussten: In Nordrhein-Westfalen waren es seit 2016 mehr als 800 Lehrer, die man aus dem wohl verdienten Ruhestand geholt hatte, in einen Zustand des Unruhestands, um die größte Not zu lindern. Einige von ihnen hatten in einem Akt wahnwitziger Solidarität ihre Pension verschoben; eine Maßnahme, die auf dämonischen Beistand schließen lässt.
Sekunden später wurde der alte Mann von Krämpfen geschüttelt und er spürte, wie göttlicher Beistand ihn mit Ideen bereicherte, die himmlischer Art sein mussten.
„Quereinsteiger!“ Die Arme hielt er erneut gen Decke ausgestreckt, die Augen noch immer geschlossen, aber dennoch sehend, sehend, was alle anderen nie würden sehen können.
„Quereinsteiger müssen her! Ja, sie werden uns retten! Gesprochen im Namen des Cthulhu.“
Er sprach und die Kultusminister segneten mit einem ekstatischen Singsang die Idee ab.

Denn sie alle wussten: Der Anteil von Quereinsteigern lag vor zehn Jahren bei gerade einmal drei Prozent, aber 2019 waren es bereits 13 Prozent, und die Tendenz ist weiter steigend. In Berlin ließen sich die Schulen gar nicht mehr aufrechterhalten, wenn mutige Quereinsteiger sich nicht erbarmt hätten, sich als Lehrer zu verdingen.
Der weise Greis war erschöpft, zu sehr nahmen ihn die übernatürlichen Botschaften mit, zu stark waren die Geister, die Weisheiten durch ihn verkündeten.
Aber er fühlte, dass noch eine Botschaft in ihm schlummerte und er wusste, dass sie mit brachialer Gewalt aus ihm herausschießen würde. Der Opiumnebel verzog sich langsam, aber die Kultusminister waren noch immer von der drogenangereicherten Überzeugung beherrscht, hier das Ende aller Probleme herbeizuführen.
„Die Berechnungen … sie stimmten nicht …“, schrie er mit letzter Kraft. „Unsere Prognosen waren … waren falsch … waren verhüllt im Schleier demokratiefeindlicher Systemzerstörer … oh meine Brüder und Schwestern … wir müssen die Berechnung des Lehrerbedarfs immer weiter optimieren, so höret doch.“

Und sie hörten.
„So höret, meine Brüder und Schwestern, wir müssen künftig den Mangel an Lehrkräften besser prognostizieren. Nur so … ja, nur so können wir bessere Maßnahmen gegen diesen Mangel ergreifen!“
Er sprach, und die Kultusminister segneten mit einem ekstatischen Singsang die Idee ab.
Denn sie alle wussten: Beispielsweise arbeitet Hessen seit 2017 mit einer Kombination aus verschiedenen Berechnungsverfahren. Das Bundesland aktualisiert pro Jahr gleich mehrmals die Zahlen, um vor kurzfristigen Überraschungen gefeit zu sein. Gründe, warum die anderen Bundesländer nicht ähnlich verfahren sollten, konnte der Präsident nicht finden.

Und so verzog sich der Qualm aus dem Tagungssaal, und die Männer und Frauen, Kultusminister und Kultusministerinnen, erhoben sich, berauscht durch die ungefilterte Weisheit, derer sie heute Zeuge wurden, und von dem Irrglauben beseelt, das deutsche Bildungssystem gerettet zu haben.

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