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Stau oder das 1. Pfeffersche Intelligenzaxiom

Kommentar von Gerd Pfeffer

Im Grunde bin ich ja ein Landei. Städte sind mir daher ein Graus. Zudem haben sie für die Einwohner den Nachteil, das 1. Pfeffersche Intelligenzaxiom schlagend zu beweisen, wonach Gott bei der Erschaffung der Welt ein fixes Quantum an Intelligenz pro Quadratkilometer vorgesehen hat. Angesichts der Bevölkerungsdichte in den Städten reicht es für den einzelnen Stadtbewohner deshalb bloß für ein relativ bescheidenes Intelligenzpaket. Die Folge ist, dass Städter in der Gruppe auf dem Land einer Rotte Wildsauen im Kornfeld gleichen. Nichts gegen Wildsauen, aber der Flurschaden ist insoweit stets enorm.

In der Vorstellung von Städtern sind Ländler anscheinend Wilde, die kraftstrotzend ihre Arme kaum am Körper halten und, wenn überhaupt zu Fuß, nur breitbeinig gehen können. In ihrem Bemühen, diesem Bild gleichzukommen, wackeln sie dann daher, als ob sie auf ihren Hosen reiten würden. Im Sommer krempeln sie ihre Hemdsärmel auf und stemmen ihre dürren und bleichen Arme auf die Tische und Bierbänke. Rufen sie im Lokal nach der Bedienung, hört sich das dann an, wie wenn ein Motor gerade auf dem 4. Zylinder abstirbt oder ein leerer Blecheimer auf einer Baustelle im Treppenschacht in die Tiefe stürzt. Die Bedienungen sind das ja gewöhnt, und spätestens mit der sich ankündigenden Dämmerung am Sonntagabend ist der Spuk auch vorüber. Was bleibt, ist ihr Müll auf den Parkplätzen und in der Landschaft.

Für Tübingen, die Kreisstadt neben meiner Heimatdorf, gilt zudem die Ableitung zum Intelligenz­axiom. Danach neigt Intelligenz zur Verklumpung, neudeutsch Clusterbildung. Hat die Intelligenz einmal einen Kondensationskern gefunden, schlägt sie sich dort nieder, so dass für den Rest nur wenig übrigbleibt. Tübingen hat nun aber seit alters her eine Universität. Damit ist klar, dass sich, wenn überhaupt, die Intelligenz vor allem dort verklumpt, für die Stadt selbst bleibt somit fast nichts. Insbesondere das unweit der alten Universität gelegene Rathaus geht daher ziemlich leer aus, wie sich fast täglich aufs Neue zeigt.

Ein Beispiel dafür ist das Tempo-30-Drama. Auf allen Straßen fahren seit Daimler und Benz Autos, was für die grünrote Mehrheit im Gemeinderat jedoch ein Unding ist. War die Stadt früher einmal ein weithin gerühmtes Beispiel für eine funktionierende grüne Welle auf den Hauptstraßen, wurde diesem Überbleibsel einer verfluchten und automobilversessenen Zeit von der Mehrheitsfraktion ein wohlverdientes Ende bereitet. Seither staut sich der Verkehr allenthalben, was nun dahin gedeutet wird, wie verderbt dieser Weg individueller Mobilität doch wäre.
In einem Vorort im Westen der Stadt wird das Ergebnis dieser Umtriebe in besonderer Weise augenfällig. Zuerst wurde mitten im Flecken an einer Straßeneinmündung eine Ampelanlage installiert. Seitdem staut sich der Verkehr dort in alle Richtungen bis weit außerhalb zurück, denn dem Verkehrsfluss folgt dabei seinem flüssigen Vorbild: Wird in einen Fluss ein Hindernis gestellt, staut sich das Wasser eben zurück, da nach wie vor dieselbe Menge Wasser ankommt und durch die neue Engstelle soll. Daher gibt es dort seither an maximal zwei Tagen im Jahr keinen Stau, wenn nämlich der Strom und damit die Ampel ausfällt oder der jährliche Kundendienst diese außer Betrieb setzt. Interessanterweise liegt nur rund einen Kilometer entfernt eine ähnliche Einmündung, sogar mit Bahnübergang, an dem es ohne Ampel dank praktiziertem Reißverschlusssystem ohne Rückstau funktioniert oder, besser gesagt, funktionieren würde, denn man kommt wegen des Rückstaus ja erst gar nicht auf die Hauptstraße. Entsprechend wird es an den beiden ampelfreien Tagen auch im Vorort gehandhabt, weshalb dann selbst der einmündende Verkehr ohne Stau flüssig bleibt.

Dass dieser Zustand für eine ideologisch gefestigte Mehrheitsfraktion so nicht bleiben konnte, liegt auf der Hand. Deshalb wurden am östlichen Ortsende eine weitere Ampelanlage und im Ort mehrere Fußgängerampeln installiert. Selbstverständlich sind die Ampeln nicht untereinander koordiniert. Von grüner Welle ist also trotz solcher Mehrheit keine Rede, vielmehr scheint die Ampelschaltung darauf ausgelegt zu sein, den Verkehrsfluss maximal zu behindern, wenn nicht zum Erliegen zu bringen. Das entspräche zumindest dem linkspolitischen Ziel, das kapitalistische System oder wenigstens den Verkehr auszubremsen. Aus dem Rathaus hörte man dazu, dass der Verkehr so dazu gebracht werden soll, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen. Dies gleicht aber mehr der alttestamentarischen Praxis, das hinter dem zuvor errichteten Hindernis entstandene Hochwasser auszupeitschen, um es zu einem gefälligeren Verhalten zu veranlassen. Allerdings schert sich der elende Verkehr nicht um derlei Erziehungsversuche und wird vor allem nicht weniger, zumal die Stadt durch ihre Universität, die Kliniken und Behörden, die Einkaufsmöglichkeiten sowie mit all den Arbeitsplätzen für das Umland wichtig ist. So wie das bei Kreisstädten überall der Fall ist.

Nachdem der Verkehr im Flecken endlich nur noch im Stop-and-Go vorwärtskam, wurde im Zuge der Feinstaubdiskussion unmittelbar an der mittigen Ampelanlage an einer kleinen Senke eine Messstation errichtet, wo wegen der Ampel ständig angehalten und angefahren werden muss. Nicht zuletzt wurde sie dort unmittelbar an der Hausmauer einer Bäckerei aufgestellt, so dass notfalls allein schon der Mehlstaub für dicke Luft sorgt. Nicht umsonst heißt es doch: Mehlstaub in der Lampenschale gibt gedämpftes Licht im Saale. Und, wer hätte das gedacht, die Feinstaubwerte waren an einigen Tagen im Jahr über den zulässigen Grenzwerten. Ein Umweltgutachten bewies nun aber dummerweise, dass die Überschreitungen vor allem in der Zeit zwischen September und April, das heißt in der Heizperiode auftraten, während die verkehrsbedingte Belastung über das Jahr weitgehend konstant unterhalb der Grenzwerte blieb.
Der Anstieg der Feinstaubwerte konnte so der ortsüblichen Verbrennung von Holz und Braunkohlebriketts in den Öfen zu Last gelegt werden. Als Maßnahmen zur Verbesserung der Situation wurden daher eine Beschränkung dieses Hausbrands und eine Verflüssigung des Verkehrs durch Installation einer grünen Welle vorgeschlagen, während die Einrichtung einer Tempo-30-Zone im Ort als ungeeignet verworfen wurde. Bei der ideologisch gefestigten Mehrheit im Gemeinderat konnte ein solches Ergebnis jedoch nur auf Unverständnis stoßen. Wen interessieren schon Fakten, wenn sich mit der richtigen Ideologie prächtig sogar ganz andere Ziele erreichen lassen? Einschränkung des Hausbrands? Teufelszeug! Holz ist erneuerbare Energie und deshalb gut – auch wenn nebenher Briketts und anderes durch den Kamin ziehen. Vor allem aber sind die Besitzer der Öfen bei den Gemeinderatswahlen stimmberechtigt. Es wurde also eine Tempo-30-Zone durch den Ort angeordnet und alle paar Meter entsprechende Verkehrsschilder aufgestellt. Unser Dorf soll schöner werden sieht wohl anders aus, aber jeder verschandelt seinen Flecken halt so gut, wie er kann.
Zur selben Zeit wurde auch in Tübingen eine 30er-Zone eingerichtet, was allerdings den Einwohnern heftig missfiel. Ein weiteres Gutachten erbrachte dann gottseidank, dass bei Tempo 40 der Schadstoffausstoß sogar noch geringer sei, weshalb das Limit auf 40 km/h angehoben wurde. Diese Erkenntnis gilt jedoch nur in Tübingen selbst, weshalb es im Vorort bei Tempo 30 blieb. Anscheinend trifft diese Beschränkung dort hauptsächlich Auswärtige, die nach Meinung der Mehrheitsfraktion in der Stadt sowieso nichts verloren, dort auf jeden Fall aber kein Wahlrecht haben.

Zusätzlich wurde im Westen des Vororts eine Pförtnerampel installiert. Vor der steht man dann des Nachts oder am Sonntagvormittag als einziges Automobil in weitem Umkreis. Gerade im Winter blubbert derweil der Motor für die Heizung weiter vor sich hin. Es gab auch einmal in der Hechinger Straße in Tübingen eine solche Pförtnerampel, aber nur bis sich die ortsansässige und wahlberechtigte Bevölkerung deswegen beim Rathaus beschwerte. Danach wurde sie abgebaut. Die Pförtnerampel im Vorort steht aber fast an der Stadtgrenze, davor stehen also vor allem Auswärtige, was, wie schon gesehen, schon wegen deren fehlendem Wahlrecht in der Stadt ein ganz anders gelagerter Fall ist. Diese Ampel steht daher nach wie vor.
Weil der elende Straßenverkehr jedoch trotz aller rathausamtlicher Ermahnungen nicht weniger werden will, staut er sich nun morgens, wenn alle zur Arbeit müssen, an der Pförtnerampel auf etliche Kilometer zurück bis zur nächsten Ortschaft. So können die Fahrzeuge im Leerlauf oder im Stop-and-Go kilometerlang vor sich hin tuckern und haben gegenüber fließendem Verkehr deutlich mehr Zeit, auf der Strecke Kraftstoff zu verbrennen und als Schadstoff zu emittieren. Die Ölindustrie wird’s freuen. Der in unseren Breiten übliche Westwind kann in dem in Ost-West-Richtung verlaufenden Tal außerdem den Smog der Autos vor der Pförtnerampel direkt entlang der Straße in den Ort verfrachten. Wer hätte das gedacht? Die Frage, warum die Schadstoffwerte im Ort, trotz aller umweltpolitischen Bemühungen, ums Verrecken nicht besser werden wollen, gilt dem Tübinger Rathaus seither als unlösbares Rätsel.

Gottlob geht Stau auch anders herum. Abends nämlich, wenn alle wieder nach Hause ins Umland wollen, stauen sich die Autos nun auf über fünf Kilometer zurück bis nach Tübingen, so dass dort der Verkehr ebenfalls breitflächig zum Ruhen kommt. Nach den üblichen übelwollenden Gerüchten grübelt das Rathaus seitdem, wo der abendliche Stau in der Stadt denn plötzlich herkomme. Das Gerücht geht jedoch vollständig fehl. Gemäß der Ableitung des 1. Intelligenzaxioms wird im Rathaus von Tübingen nämlich weder nach- noch überhaupt gedacht, da solches gänzlich außerhalb der dortigen Möglichkeiten liegt. Vielmehr grenzt die Behauptung, dort werde gegrübelt, angesichts der ideologisch gefestigten Mehrheit im Gemeinderat wohl eher schon fast an eine böswillige Verleumdung.

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