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Karl und ich in der Eisenbahn

Kurzgeschichte von Marion Fischer

Eines Tages war er mir genau vor die Füße gerollt.
Ein kleiner alter Mann, der sich wie eine Garnspule schnell um die eigene Achse drehte, kullerte die achtundzwanzig Stufen der Unterführung im Reutlinger Hauptbahnhof herunter und landete direkt neben mir, nahezu lautlos. Eine Sekunde lang waren wir beide gelähmt, vor Schreck ebenso wie vor Erstaunen. Er lag auf dem staubigen Asphalt und schien sich zu schämen. Junge Männer drängten wortlos an uns vorüber, bemüht, wegzuschauen. Die Furcht, ihre Bahn zu verpassen, stand ihnen auf die Stirn geschrieben.

Eine Frau eilte die Treppe hinunter und beugte sich rasch über den Gestürzten. Sie fragte ihn, ob er verletzt sei, ob er sich weh getan habe. Nein, nein, murmelte er sichtlich verlegen, nein, ich muss zum Zug auf Gleis 2, mir ist nichts passiert, danke. Nein, einen Arzt brauche ich bestimmt nicht, danke schön, mir geht es gut.
Gemeinsam stellten wir ihn vorsichtig auf die zitternden Beine. Langsam, unsicher, tat er einige kleine Schritte, klopfte seinen abgetragenen Anzug ab, konnte uns noch immer nicht in die Augen schauen. Wir wollten alle drei auf Gleis 2, alle zur gleichen Bahn. Es war genügend Zeit, behutsam bugsierten wir den alten Mann in den Aufzug zum Bahnsteig. Der Zug war pünktlich, ein Sitzplatz schnell gefunden. Eine kleine Schramme an der Hand war rasch versorgt, mit sauberen Papiertüchern aus der Zugtoilette gereinigt.

Nun saß er, Wochen später, erneut in derselben Bahn wie ich. Jeden Tag brachte mich dieser Zug zur Arbeit nach Tübingen. Jeden Montag, Mittwoch und Freitag saß der alte Mann schräg vor mir, er stieg nicht in Tübingen aus, ich kannte sein Ziel nicht.
Stets denselben Anzug trug er, ein wenig fadenscheinig, ein wenig ausgebeult an Knien und Ellbogen. Die weißen Haare sorgfältig gescheitelt, vermutlich mit einem nassen Kamm, das Gesicht so glattrasiert, wie das eben möglich ist in einem alten Gesicht mit tiefen Furchen.
Ich setzte mich immer so, dass ich ihn in Ruhe von hinten betrachten konnte. Ich hatte ihn liebgewonnen, gleich bei unserer ersten Begegnung am Fuß der Treppe. Vor allem sein Nacken war es, der meine Aufmerksamkeit fesselte. Ein gebeugter Nacken, vom Leben in seine runde, gebogene Form gezwungen. Man sah ihm an, dass er in vielleicht 75 oder 80 Lebensjahren vielem standhalten musste. Jedoch zeugte dieser Nacken auch von Stolz und Haltung, trotz der Krümmung der Wirbelsäule. Dieser Mann war sehr auf seine Würde bedacht. Das sah ich an seinem Bestreben, gerade zu sitzen, an dem gekämmten Haar und der sorgfältigen Rasur, auch an dem alten Anzug, der sauber und gebürstet wirkte.

Einige Wochen fuhren wir so gemeinsam diese kurze Strecke, ich stieg widerstrebend in Tübingen aus, er blieb sitzen. Wir sprachen nie miteinander, er schien mich nicht wieder zu erkennen. Zu gerne wäre ich einmal mit ihm weitergefahren, um herauszufinden, was sein Ziel war. Der Zug fuhr bis Aulendorf. Vielleicht war seine Frau dort zur Kur?
Ich stellte mir vor, wie er ihr irgendeine Ausrede präsentiert hatte, als sie nach der Schramme an seiner Hand fragte. Sie sollte doch schnell gesund werden, er brauchte sie zuhause wieder. Er vermisste sie. In über 50 Jahren Ehe waren sie niemals so lange getrennt gewesen. Er kam nicht so gut zurecht zuhause, so allein. Die vielen kleinen Verrichtungen, mit denen seine Frau ihren Tag füllte – und den seinen einfacher machte – waren ihm fremd und verwirrten ihn. Seine Nachbarin brachte ihm Essen, er selbst hatte nie das Kochen erlernt.

Jedes Mal, wenn ich in der Bahn seinen gebeugten Nacken studierte, spann ich weiter an meiner kleinen Geschichte um ihn und seine Frau. Ihm zuliebe bedachte ich seine Frau keineswegs mit einer gefährlichen Krankheit, sondern ließ sie sich von einer Hüftoperation erholen. Er sollte keine Angst um sie haben müssen.
Sie bewohnten eine kleine Wohnung in einem Sondelfinger Mehrfamilienhaus, für ein Häuschen hatte sein bescheidenes Einkommen nicht gereicht. Zwei Kinder hatten sie großgezogen, waren längst Großeltern, beide Söhne lebten mit ihren Familien in Berlin. Spärliche Besuche bildeten die Höhepunkte im Jahreslauf.
Seine Frau war eine zarte Person, der man die Zähigkeit auf den ersten Blick nicht ansah. Auf ihren Fleiß war sie stolz, auf ihre Kochkünste und auf ihren Mann. Kleine Krisen hatten sie gehabt, als die Jungs noch klein waren und an seinen Nerven sägten, abends und nachts, wenn er sich erholen musste von seiner Arbeit in der Maschinenfabrik. Sie fand, er müsse sich mehr um die Kinder kümmern, er wollte das nicht, fand keinen Zugang. Später ging er mit den heranwachsenden Söhnen ab und zu ins Neckarstadion nach Bad Cannstatt, sie schauten sich gern die Spiele des VfB Stuttgart an, feierten die Siege, betrauerten die Niederlagen. Seine Frau rollte mit den Augen, wenn er an solchen Tagen fiebrig nach Hause kam. Inzwischen, da das Leben weitgehend gelebt schien, pflegten sie freundlichen Umgang miteinander, respektvoll, jeder an seinem Platz. Sie hatten sich gern.

Während der Zug die vertraute Strecke fuhr, die Schilder der Bahnhöfe zwischen Reutlingen und Tübingen am Fenster vorbeiflogen, malte ich mir das Leben dieses Fremden aus, fantasierte glückliche Zeiten ebenso wie schicksalsschwere. Je weiter meine Gedanken schweiften, umso mehr wuchs er mir ans Herz. Zwischen Reutlingen Hauptbahnhof und Reutlingen West legte ich den Zeitrahmen fest, über den ich an diesem Morgen nachdenken wollte. In Betzingen nahmen meine Gedanken ebenso Fahrt auf wie die Eisenbahn, in der ich saß und in Wannweil war ich bereits so gefesselt, dass ich nicht mehr bemerkte, wo ich mich befand. Mein Glück, dass in Tübingen so viele Leute den Zug verließen, sonst wäre ich sicher ein ums andere Mal versehentlich zu weit gefahren.
Ich richtete seine Wohnung ein (gutbürgerlich), entschied mich für sein Leibgericht (Zwiebelrostbraten) und legte fest, dass er sich jede Woche zum Skat Spielen traf. Selbst die gerunzelte Stirn seiner Frau sah ich vor mir, wenn er nach einem Kartenabend beschwingt von einem Viertele Roten nach Hause kam.

Er hatte diesen schrecklichen Sturz nahezu unverletzt überstanden, daher war mir klar, dass er in seiner Jugend sehr sportlich gewesen sein musste. Sicher war er Turner, die gute Körperbeherrschung sprach dafür. Kurzerhand verlieh ich ihm den Titel eines Landesmeisters von Baden-Württemberg im Jahr 1964. Für einen Läufer war er nicht groß genug, für einen Schwimmer sein Rücken zu schmal. Ich sah ihn am Barren, mit muskulösen Oberarmen, das Gesicht konzentriert und angestrengt, er trocknete es nach jeder Übung mit einem grünen, ausgeblichenen Handtuch. Hier in der Turnhalle hatte er auch seine Frau kennengelernt, ihr Bruder war in seiner Mannschaft. Sie war beeindruckt von seinem Können, liebte es ihm zuzusehen. Nach der Heirat gab er den Sport bald auf. Manchmal ging er noch zu Sportveranstaltungen, ein leises Bedauern im Herzen. Seine Frau begleitete ihn nie. Ohne ihn sei so ein Barren nur halb so schön, sagte sie oft.
Bald freute ich mich auf die Fahrten mit ihm, Karl hatte ich ihn getauft. Ich kannte jede Falte seines Anzugs, die Linien seiner Ohren waren mir vertraut, die feucht gekämmten Haare. Regungslos saß er immer auf dem gleichen Platz, schaute still auf seine Hände, sprach mit niemand. Manchmal hatte ich den Verdacht, er sei eingeschlafen.

Ich vermisste ihn an den Dienstagen und Donnerstagen. Die Aussicht auf die gemeinsame Fahrt machte den Beginn der Arbeitswoche weniger beschwerlich. Einmal hatte ich verschlafen, musste einen Zug später nehmen, das war schrecklich. Ein Bummelzug auch noch, der an allen Bahnhöfen anhielt und so die doppelte Zeit für die Fahrt brauchte, voller lärmender Schulkinder. Von da an stellte ich meinen Wecker noch zehn Minuten früher, um ganz sicher zu gehen.
Eines Montags kam er nicht. Ich suchte unruhig den Bahnsteig ab, er war nicht zu sehen. Der Zug wurde über Lautsprecher angekündigt, ich lief noch einmal in die Unterführung. Vielleicht lag er ja wieder vor der Treppe. Ich hastete die Stufen wieder hoch, stieg ganz hinten in die Bahn ein. So konnte ich durch alle Waggons gehen und schauen, ob er womöglich schon früher eingestiegen war. Aber nein, dieser Zug begann seine Fahrt in Reutlingen. Niemand konnte früher einsteigen. Er war nicht da.
Auch nicht am Mittwoch und nicht am Freitag. Karl stieg nicht wieder in diesen Zug, ich habe ihn nie wiedergesehen. Seine Frau wird wieder gesund geworden sein, die beschwerlichen Fahrten waren nicht mehr erforderlich. Lange Zeit habe ich ihn vermisst, wusste nicht wie ich die neun Minuten Fahrt von Reutlingen nach Tübingen füllen sollte. Mit Musik habe ich es versucht, mit großen Kopfhörern auf den Ohren. Manchmal las ich, manchmal spielte ich ein kleines Kartenspiel auf meinem Telefon. Die Fahrt zur Arbeit war nie wieder dieselbe.

Einen Ersatz für Karl zu finden, war mir nicht möglich. Einige Menschen habe ich von hinten studiert und versucht, mir vorzustellen welche Art Leben sie führten. Es gelang mir nicht, ich hatte sie nicht gern, so wie Karl.
Ich bin ganz sicher, es geht ihm gut. Ihm und seiner Frau.

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