Ein Portrait der Unabhängigkeit

    Kurzprosa von Hermann Heilner

    Seine Augen verschlangen das soeben fertiggestellte Kunstwerk, versuchten es vollends in sich aufzunehmen und so seinen Anblick unwiderruflich in die Seele einzubrennen. Liebevoll zärtlich und mit einer nie gekannten Vorsicht betasteten seine Finger das strahlend weiße Papier des gefalteten Vogels.
    Diese Reinheit blendete ihn, und doch spazierte sie Hand in Hand fast brüderlich mit unsagbarer Schönheit, durch die man nicht vermochte, den Blick abzuwenden. Des Vogels Pracht vervielfältigte sich nicht zuletzt durch seine Zerbrechlichkeit, die dafür sorgte, dass er die Arbeit, die er eine lange Zeit unablässig zwischen den Fingern gespürt hatte, nun nur noch schamhaft und für wenige Augenblicke berührte. Und doch setzte er sich das Kunstwerk auf die Hand, schmückte sich voll Stolz mit seinem Antlitz, trat mit ihm ans Fenster. Tränen der Freude standen ihm noch von der vorherigen Erregung in den Augen, als er auf die Straßen niederblickte.

    Plötzlich krampfte sein Magen und ihn quälte das Gefühl, er müsse sein Frühstück jeden Moment auf die Fensterbank erbrechen. Der Körper hatte reagiert, noch bevor der Verstand die Situation hatte begreifen können. Wind peitschte gegen die Fensterscheiben, so dass sie klirrten, trug Blätter, zerfetzte Zeitungen, Müll durch die Luft. Die Wolken bildeten eine zähe, graue Masse, die die Stadt in ein Licht tauchte, das ihre Trostlosigkeit und Hässlichkeit betonte. Wie lange hatte er die Sonne schon nicht mehr erblicken dürfen?
    Menschen gingen aneinander vorbei, ohne Gruß, ja ohne den Anderen überhaupt wahrzunehmen. Sie hatten ihre Scheuklappen auf, zogen die schwere Last ihrer Existenz hinter sich her, verließen dabei nicht den ihnen vorbestimmten Weg, der sie optimal und ohne Umwege ans Ziel führen sollte. Dabei stets im Gefecht mit ihrem Gegenspieler, dem Wind, der unablässig versucht war, den erschöpften Schleppern einen anderen Pfad aufzuzwingen.
    Ein Portrait der Unabhängigkeit. Die Eigenständigkeit galt es unter allen Umständen zu wahren. Er hatte nie gewagt, sich in die Gefahr der Abhängigkeit zu begeben, die durch zwischenmenschliche Beziehung unweigerlich entstand.

    „Der Schutz des Individuums vor der Unfreiheit des Kollektivs hat oberste Priorität.“

    Sein Kunstwerk war fertiggestellt, die langwierige und harte Arbeit war von der goldenen Blüte, die mit ihrer unbefleckten Reinheit beispiellosen Ruhm hatte erahnen lassen, endlich zur Frucht herangereift. Auch diese verzückte noch mit Anmut, ihr Geschmack jedoch war bitter. Ja, sie schmeckte bitter, und ihr Saft verteilte sich rasch im gesamten Innern.

     

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