Kinder in der Dunkelheit

    Kurzprosa von Raven E. Dietzel

    „Was soll das?“
    Ja: Was soll das eigentlich? Eine gute Frage.

    Es war gar nicht so einfach gewesen, dir ein Gesicht zu geben, denn auf den großen Bühnen, bei den Galas und den Fernsehauftritten bliebst du immer im Hintergrund. Du hattest den gleichen selbstverständlichen Blick wie all die Tontechniker und Kellner, von denen es um dich herumwimmelte: Voller Gewissheit, dass du stehen durftest, wo du grade standst. Allerdings hattest du nie eine Tonangel oder ein Tablett in der Hand – und das hatte dich schließlich verraten und mich auf deine Fersen gebracht.
    Und nun: Du vor mir. Gerade noch das Champagnerglas in der Hand, eine aalglatte Visage und die Verkörperung alles Schlechten. Du erscheinst mir so widerlich, wie du dastandst, ein weicher Nacken, dessen Haut glatt von dem Luxus war, den du dir als wohlverdiente Auszeit vom ach so harten Handwerk gönntest. Du wirktest in diesem Moment wie eine Unmöglichkeit, mit deinem dezenten Haarschnitt, den dir jede Woche ein fremdes Paar Hände bescherte, und deinem beiläufigen Diamanten im unauffälligen Schmuckstück.
    In dieser Sekunde glaubte ich nicht, dass ich aushalten könnte, hinter dir zu stehen, ohne in all das Üble zu explodieren, das im Menschen steckt. Das Wissen und die Bilder in meinem Kopf drängten mich herauszufinden, ob unter deiner Haut denn auch Blut floss, in deiner Brust denn auch ein Herz schlug. Ich war so kurz davor…

    Aber dann stelltest du das Glas an die Seite, stießt einen kleinen Seufzer aus, und, weil du dich unbeobachtet glaubtest, sanken deine Schultern ein bisschen nach unten. Und mir wurde wieder bewusst, dass du – wie ich – nur ein Mensch warst.
    Ich streckte die Hand aus und griff nach deiner Schulter.
    Schreck in deinen Augen – ein seltenes Mal Schreck in deinem Leben: „Was soll das?“, stießt du aus.
    „Ich weiß, wie die Dinge auf der Welt aussehen“, sagte ich.
    Dein ärgerliches Stirnrunzeln vertrieb aus deinen Zügen bereits die Verletzlichkeit. Du öffnetest den Mund, um mit einer herrischen Phrase auch noch den Rest davon zu verscheuchen – aber ich ließ dir nicht die Gelegenheit.„Ich weiß auch, dass du es weißt. Es gibt nichts, das ich dir darüber sagen könnte, das dir neu wäre.“
    Du zögertest kurz. Ich sah, wie sich in deinen Augen ein schroffes Wort sublimierte, und kam ihm abermals zuvor.

    „Ich weiß auch, dass die Welt schon auf diese Weise funktioniert hat, als wir beide noch als Kinder hilflos in der Dunkelheit geweint haben. Damals wussten wir nichts davon. Und wir konnten auch nichts dafür.“
    Weich erklärte ich: „Kein Kind auf dieser Welt kann etwas dafür.“

    Einen Moment Schweigen, bevor ich hinzufügte: „Aber wir sind keine Kinder mehr!“
    Dann drehte ich auf dem Absatz um. Ich ging, um dir nicht die Gelegenheit zu lassen, eines von den vielen Worten zu sagen, mit denen du immer wieder deine Wahrheit zementierst.

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