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Schabbat Shalom – ein offener Brief an uns alle

    Für Joschke

    Lieber Joschke,

    nachdem Du viel um die Ohren hast und die Zeiten gerade keine einfachen sind, schreibe ich heute diesen Beitrag für Dich, für mich, für uns. Als wir uns auf der Insel trafen, in diesem etwas abgeliebten Essensraum einer Reha-Klinik, wurden wir per Zufall einander an einem Tisch zugeteilt. Du warst schon eine Woche dort. Es war kalt, Februar. Draußen vor den Fenstern am Strand tanzten die Sandkörner und die Schneeflocken um die Wette. Die Flocken wehten weiter als die Sandkörner. Die Sandkörner würden bleiben.

    Auf unseren langen Spaziergängen kam das Gespräch auf die Shoah. Wie ließe sich das auch vermeiden. Ich erzählte Dir, dass ich meine ersten beruflichen Schritte nach dem Studium bei einem Unternehmer tat, der mit seiner Frau drei deutsche KZs überlebt hatte. Drei Nummern trugen sie beide auf ihren Unterarmen eintätowiert. Man konnte sie noch entziffern. Er erzählte von den schrecklichen Träumen und den Selbstvorwürfen, die er sich machte, weil er überlebte und die anderen, auch engste Verwandte, starben. Dahingeschlachtet und vergast.

    Ich kann es bis heute nicht glauben, dass wir Menschen uns gegenseitig so etwas antun können. Wir können, die Geschichte zeigt es. Und wir tun es jeden Tag: In Syrien, im Jemen, in Libyen, im Südsudan, in Äthiopien, im Irak, in der Ukraine. Man könnte diese Liste beliebig fortsetzen. Wir bringen einander um, weil der andere anders ist, anders aussieht, anders glaubt, anders denkt.

    In der Bibel steht: „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.“ (Genesis 1, 27). Das heißt, dass wir im anderen immer das Abbild Gottes sehen, des Gottes, der Christen, Muslims und Juden eigen ist. Die Bücher aller theistischen Religionen sagen in diesem Fall das Gleiches, und übersetzt heißt das: Tötest du einen Mitmenschen, tötest du auch mich, denn ich schuf den Menschen mir zum Bilde. Wie können wir es also mit dem Glauben verbinden, einen Mitmenschen, aus welchem Grund auch immer, zu töten? Es gibt eigentlich nur eine Rechtfertigung, und zwar in einem Akt der Notwehr.

    Dass in Yad Vashem die Namen der Vernichtungsopfer gerufen werden, ist wichtig. Es verhindert, dass die Toten umsonst gestorben und vergessen sind. Ich war dort. Es ist jedem Menschen angeraten, diesen Ort zu besuchen in seinem Leben. Danach ist man ein anderer. Auch in diesem, in unserem, Land wohnen – wie im Heiligen Land – Menschen aller drei großen Religionen, die an den Einen Gott glauben, der allen gehört und am Ende nur sich selbst. Es wäre zu hoffen, dass wir verstehen, uns zu respektieren als das, was wir sind: Gottes Abbild und sein Vermächtnis an die Schöpfung, in die wir hineingestellt sind als ein Teil von ihr. Sie ist unsere Verpflichtung und durchaus nicht dazu da, verbraucht und aufgebraucht zu werden.

    Wir beiden sind über die Zeit Freunde geworden. Wenn wir Menschen es schafften, uns selbst aus dem Zentrum unseres Denkens zu nehmen, wäre uns geholfen. Dazu bedarf es aber mehr des Werks als des Worts. Wir wissen natürlich, dass das Wort Gestalt werden kann. Worte haben die Macht, Tun zu gebären. Das Tun, das Handeln, kann gut sein, es kann schlecht sein. Es liegt an uns, welches Wort Tat wird. Und es liegt an uns, welches Wort heilt und welches Wort verletzt und schmerzt.

    Das Aufkommen des Schrecklichen, der Rechten, der Rassisten und der Antisemiten ist ein Ergebnis bösen Worts und gewalttätiger Sprache. Es gibt, das zeigt die historische Erfahrung, Dinge, die man besser nicht einmal denkt. Vom Denken ist der Weg zum Mund ein kurzer, vom Mund zur Hand ein nicht viel längerer. Wir wissen nicht erst seit den Anschlägen von Hanau und dem Angriff auf die Synagoge in Halle, wie wenig Zeit das böse Wort brauchte, um die böse Tat zu rechtfertigen und den Plan rechtfertigend Wirklichkeit werden zu lassen.

    Dieser Text ist am Tag des muslimischen Freitagsgebets geschrieben und kurz nach Beginn des Schabbats veröffentlicht. Die meisten Leser*innen haben nun Zeit, ihm den Schabbat über und den Sonntag zu bedenken. Damit haben wir alle drei Tage der Einkehr der theistischen Religionen friedlich versammelt. Ich wünsche uns diese Einkehr. Bedenken wir, dass unsere Mitmenschen wie wir selbst unseren Herrn in uns spiegeln. Und lassen wir unsere Taten sprechen, damit diese Welt ein besserer Ort werden kann.

    Friede sei mit uns, Shalom, Salam

    und der Segen des weisen Gottes uns allen gewährt.

    Dein Walther

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