Literaturagentin, Verlegerin, BücherFrau 2020 – Im Gespräch mit Silke Weniger

    von Oliver Bruskolini

    Silke Weniger leitet eine Literaturagentur, einen eigenen Verlag und seit dem 9. Mai ist sie die BücherFrau des Jahres 2020. Mit der Auszeichnung wurden ihre jahrelange Arbeit auf dem Buchmarkt und ihr enormes Engagement für Schriftstellerinnen honoriert. Wir haben mit ihr über ihre vielseitige Arbeit und die aktuelle Situation auf dem Buchmarkt gesprochen.

     

    Frau Weniger, danke, dass Sie sich die Zeit nehmen, sich unseren Fragen zu widmen. Sie haben beachtlichen Weg auf dem Literaturmarkt zurückgelegt, betreiben eine eigene Agentur und mit der Edition Fünf einen eigenen Verlag. Vor wenigen Tagen wurden sie zum 30. Jubiläum des BücherFrauen-Netzwerks zur BücherFrau des Jahres 2020 gewählt. Wann haben Sie Ihr Interesse für die Literatur entdeckt? Wann wurde Ihnen klar, dass Sie sich beruflich mit dem Buchmarkt auseinandersetzen wollen?

    Meine Liebe zum Lesen begann, als ich die ersten Bücher alleine lesen konnte, also mit ca. 9 Jahren. Damals war ich fasziniert von den Abenteuergeschichten von Enid Blyton. Ich wollte mein Leben lang nur Jugendbücher lesen. Irgendwann las ich die Bücher meiner Mutter, später die Bestseller der späten 70er Jahre. Über die ersten Bücher der Frauenoffensive und der damaligen Reihen „Frau in der Gesellschaft“ und „Neue Frau“ entdeckte ich, dass es Literatur gab, die mit dem ganz normalen Leben zu tun hatte. Gleichzeitig liebte ich weiterhin Abenteuerromane wie „Robinson Crusoe“ und „Kontiki“. Die Frauenliteratur der Zeit hat mir einerseits die Augen für das Leben als Frau geöffnet, andererseits war sie mir oft zu sehr im Kleinen, Alltäglichen, Problematischen verhaftet. Damals kannte ich noch nicht Marilynne Robinson, Zora Neale Hurston, Margaret Atwood, Ursula LeGuin, um nur ein paar zu nennen.

    Ich wollte beruflich mit Büchern und Menschen zu tun haben, die mich mit dem Ausland und anderen Welten verbinden. Der große Reiz des Verlagswesens lag für mich in der Vermittlung von ausländischen Stoffen in die deutsche Sprache. Und die Möglichkeit, in Paris und in New York zu hospitieren, war ein großer Anreiz.

     

    Sie engagieren sich besonders für Autorinnen, so verlegt die Edition Fünf beispielsweise ausschließlich Bücher, die von Frauen verfasst wurden. Warum?

    Die verlegerische Intention von edition fünf ist es, Traditionslinien im weiblichen Schreiben aufzuzeigen und im besten Falle selber zu schaffen. Literatur von Frauen, auch von großen Klassikerinnen, verschwindet schneller vom Markt und aus dem öffentlichen Bewusstsein als die von männlichen Autoren. Der deutsche Buchmarkt weist wichtige Lücken auf. Wir wollten mit unseren bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen, dass sich einige dieser Lücken schließen. Das ist uns gelungen.

     

    Sie sind schon seit Jahren als Literaturagentin tätig. Was sind die zentralen Aufgaben einer Literaturagentur? Warum würden Sie AutorInnen eine Literaturagentur empfehlen?

    Meine Literaturagentur verfolgt zwei Stränge. Zum einen sind wir die deutsche Vermittlungsstelle für Übersetzungslizenzen einiger namhafter ausländischer Verlage. Zum anderen betreuen wir deutschsprachige AutorInnen und helfen ihnen, einen oder mehrere Verlage für ihre Werke zu finden. Darüber hinaus handeln wir die bestmöglichen Vertragsbedingungen für sie aus und überwachen den regelmäßigen Honorarfluss. Es gibt durchaus AutorInnen, die sehr gut darin sind, sich selber zu vermitteln und zu verwalten. Für die meisten gilt das jedoch nicht.

     

    In ihren Tätigkeiten lesen Sie bestimmt Unmengen an Manuskripten. Welche Ansprüche sollten Manuskripte erfüllen, um für Ihren Verlag oder Ihre Agentur interessant zu sein? Und wie wichtig ist der Background der AutorInnen?

    Diese Frage ist zu groß, um sie mit wenigen Sätzen zu beantworten. Die ganz kurze, aber viel zu einfache Antwort lautet: Ein Manuskript sollte eine Sprachqualität besitzen, die nicht langweilt.

    Die Frage nach dem Background verstehe ich nicht. Wir beurteilen AutorInnen nicht danach, woher sie kommen.

     

    Gemeint sind eher die Voraussetzungen, die AutorInnen mitbringen, wenn Sie mit Ihnen in Kontakt treten. Bringt es Vorteile mit sich, bereits veröffentlicht, in einem literarischen Umfeld gearbeitet, vielleicht einen Preis gewonnen oder sich ein Netzwerk aufgebaut zu haben? Wie sehr fällt ein „Name“ im Vergleich zu NewcomerInnen bei ähnlicher Qualität ins Gewicht?

    Am allerliebsten sind uns AutorInnen, die bereits einige Jahre an ihrem Schreiben gearbeitet haben, evtl. kleine Preise gewonnen haben, aber noch nicht in einem Buchverlag veröffentlicht haben. Ein „großer“ Name ist nicht unbedingt leicht vermittelbar, da sich der Buchmarkt und die Verlagsprogramme  in den letzten Jahren verändert haben.

     

    Der Buchmarkt hat es derzeit generell schwer. Erst die KNV-Pleite, dann das Libri-Delisting und nun die Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie. Wie denken Sie wird sich der Buchmarkt für Agenturen, AutorInnen und Verlage verändern? Was werden die großen Herausforderungen der nächsten Monate sein?

    Die Herausforderung wird sein, den stationären Handel wieder als DIE Bezugsquelle für Bücher zu etablieren. Dabei müssen Verlage, unabhängige BuchhändlerInnen und die großen Filialisten an einem Strang ziehen. Wir brauchen nach wie vor ein engmaschiges Netz an unabhängigen Buchhandlungen. Dieses Netz ist die große Stärke des deutschen Buchhandels, und das dürfen wir nicht aus Bequemlichkeit gefährden. Nur dort können Bücher von unabhängigen Verlagen in Quantitäten abgesetzt werden, die den Verlagen das Überleben sichern. Dies ist auch eine Forderung an die Politik. Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat das verstanden. Einige Landesregierungen  noch nicht.

     

    Abschließend noch eine Frage für die Schreibenden unter unseren LeserInnen. Was würden Sie als erfahrene und etablierte Literaturschaffende jungen oder am Anfang ihres Weges stehenden AutorInnen mit auf den Weg geben?

    Arbeiten Sie an Ihrer Sprache. Kreieren Sie Ihren eigenen Ton. Lesen Sie viel, aber reproduzieren Sie nicht, was andere geschrieben haben. Wenn es Ihnen gelingt, einen eigenen Ton zu entwickeln, können Sie jede Art von Geschichte erzählen, ohne dass sie langweilig ist.

     

    Silke Weniger, Foto: Sabine Klem.

    Silke Weniger arbeitet seit über 25 Jahren als Literaturagentin in München. Nach Zwischenstationen in Paris und New York gründete sie vor 20 Jahren ihre eigene Agentur.
    2010 rief sie die edition fünf ins Leben. Ziel der Edition ist, das literarische Schaffen von Frauen neu ins Rampenlicht zu stellen. Seither erschienen 37 Bücher.

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