artur nickel im spiegelschnitt

Artur Nickels lyrische Gedankensplitter – und ihre meisterhaft leichtfüßige Übertragung ins Russische

    Rezension von Jutta Lindekugel

    artur nickel im spiegelschnitt на зеркальном срезе übersetzt von Nadeshda Serebryakova , Geest-Verlag, Vechta 2020, ISBN 978-3-86685-755-1, als Taschenbuch € 11,00

    Der Geest-Verlag will ein Verlag für alle sein, für Autoren und Leser unterschiedlichster Hintergründe. Wichtig ist dem Verlag, dass seine Autoren für kritisches gesellschaftliches Engagement stehen und die Zukunft gestalten wollen. Dichter Artur Nickel fragt nicht nur in seiner Lyrik nach dem Heute und Morgen und Gestern, sondern regt auch in den Essener Anthologien Kinder und Jugendliche jedes Jahr mit einem neuen aktuellen Thema zur kritischen und kreativen Auseinandersetzung an. Sowohl Nickels Lyrikbände als auch die Anthologien sind beim Geest-Verlag erschienen.
    Noch immer werden in Deutschland nur wenige Projekte mit einem osteuropäischen Zusammenhang umgesetzt – es mangelt an Nachfrage – und doch wagt der Geest-Verlag das Experiment einer Übersetzung von Lyrik ins Russische. Ein Übersetzer überträgt stets viel mehr als nur Worte von einer Sprache in die andere. Seine Aufgabe ist es, Bedeutungsebenen, Assoziationen, Zusammenhänge, Klänge und Rhythmen auch von einem Kulturraum in einen anderen zu transferieren. Das ist Serebryakova mit Nickel hervorragend gelungen.

    Artur Nickel ist ein Spezialist für „Gedankensplitter“, ein Begriff, den er selbst in seinem Essay über die Rolle von Lyrik in der heutigen Zeit „Warum heute Lyrik“ verwendet. So lässt sein reduzierter, aber keineswegs lakonischer Stil die kurzen Gedichte auf den ersten Blick bescheiden, fast dürr wirken. Beim Eintauchen jedoch entfalten sich dem Leser durch immens reiche Assoziationen umfassende Welten. Der Ton bleibt unaufgeregt, fast sachlich, den philosophischen Gedanken der Gedichte angemessen: Und doch werden gleichzeitig starke Emotionen spürbar.
    Ausgewählt und ins Russische übersetzt wurden für „im spiegelschnitt“ neben dem oben genannten Essay 65 Gedichte von Artur Nickel, die zuvor bereits in drei Einzelbänden erschienen waren. Gerade in dieser Zusammenschau ist eine Entwicklung des Dichters zu beobachten: Bereits in den Gedichten aus Nickels erstem Lyrikband „brückenspiele“ lenken weder Satzzeichen noch Groß- und Kleinschreibung vom Inhalt ab. Alle Wörter stehen gleichrangig nebeneinander. Bei der Konzentration auf die Bedeutung stören darüber hinaus nur wenige Adjektive.
    Umso mehr fällt in der Auswahl aus „farbgespinste flussabwärts“ die Erwähnung von Farben, häufig in Neologismen wie „farbzartig“, „blausteine“ oder „lichtgrün“ verpackt, auf. Mit Landschaftsmotiven wie Fluss, Revier, Fabriken, Fördertürme skizziert Nickel ab diesem Band auch die historische Bedeutung und den Wandel des Ruhrgebiets, dem der Dichter sehr verbunden ist.
    In den Gedichten aus „ruhreinw/ärts/verdichtet“ schließlich zeigt sich der Dichter zudem sehr experimentierfreudig. So führt er beispielsweise grafische Elemente ein, mit denen er den Leser überrascht. Ein Gedicht über den Zug der Wildgänse ist in V-Formation angeordnet. Der Doppelpunkt taucht als Satzzeichen an einigen Stellen auf und fungiert als Fuge ohne Leerzeichen zwischen zwei Wörter oder als Einleitung, aber in ungewohnter Position am Zeilenbeginn. Mit Großbuchstaben mitten im Wort – ein Beispiel ist „l ACH t“ – und Wörtern, die er ohne Bindestrich über zwei Zeilen hinweg verteilt, ja zerreißt, verleiht Nickel einzelnen Begriffen mehrfache Bedeutung und erreicht durch die überraschende Verfremdung, dass der Leser stolpert, mehrmals hinsieht und ins Grübeln gerät.

    Ein Beispiel zur Veranschaulichung:

    mond

    schnee
    fällt

    wolken
    kräusel

    ein last
    kahn wartet

    (mit import
    kohle)

    Neben dem Wandel des Ruhrgebiets geht es Artur Nickel immer wieder um das Hier und Jetzt. Ein Mangel an Reflexion in unserer schnelllebigen Zeit, aktuelle Ereignisse wie Abschiebungen oder die deutsche Beteiligung am Krieg in Afghanistan, werden ebenso kritisch aufgegriffen wie Vergangenes, das in die Gegenwart reicht. Bei aller Reduktion und dem enthaltenen Intellekt sind Nickels Gedankensplitter für jeden zugänglich. Auf den verschiedensten Ebenen – Aussage, Grafik, Klangkonstruktionen usw. – erzielt Nickel ein Innehalten und Nachdenken bei seinen Lesern.

    Dies ins Russische zu übersetzen, gelingt Nadeshda Serebryakova scheinbar mühelos. Leichtfüßig wird sie Artur Nickels Gedankensplittern auch in der russischen Sprach- und Gedankenwelt gerecht und findet sich in Wortschlangen wie Wortspielen zurecht. Wo wörtliche Übersetzungen den Zeilenumfang sprengen würden, findet Serebryakova kurze Entsprechungen. Die Verfremdung durch Großbuchstaben kann etwa im Fall  „stal AKT iten“ im Russischen mit der gleichen Konstruktion und Konnotation wiedergegeben werden, bei „l ACH t“ jedoch gibt keine russische Entsprechung, die gleichzeitig die Interjektion „ach“ impliziert. Daher überträgt Serebryakova das Experiment an dieser Stelle nicht. Auch dazu gehört übersetzerischer Mut.
    Während die deutsche Sprache gerne Komposita bildet, gibt das Russische entsprechende Konstruktionen als Substantiv begleitet von Genitiv oder Adjektiv wieder. Die „abrißbirne“ etwa ist wörtlich übersetzt ein Ball zum Abtragen, die „sehnsuchtsreise“ die ersehnte Reise, ein „sternenfunkel“ der Funke eines Sterns. Damit funktioniert die Worttrennung, mit der Nickel einen Effekt der Verfremdung und Überraschung erzielt, in der Übersetzung so nicht. Serebryakova macht sich jedoch frei von einer wortwörtlichen Nachahmung und schafft Nickels Effekte dafür an anderen Stellen. Ähnlich steht es mit rhetorischen Figuren wie dem Oxymoron „sehnsuchtsleichter heiterschmerz“, welches die Übersetzerin mit einer Kombination aus Adjektiv und Substantiv wiedergibt.
    Umso auffälliger sind einige wenige Abweichungen durch die Übersetzerin, die nicht unbedingt einleuchten. Weshalb etwa wird der Titel „zeitansage“ mit „Ein Moment in der Zeit“ übersetzt, die Fremdwörter „memento“ und „kismet“ mit „Gedenke“ und „Schicksal“? Warum werden Schuhe zu Füßen und weshalb findet die Übersetzerin keine Entsprechung für aufBruch und heimKehr – denn hier existieren im Russischen Vorsilben, die zu ähnlichen Konstruktionen genutzt werden könnten. Zur Wiedergabe von „Revier“ mit dem allgemein eine Umgebung bezeichnenden „okruga“ wäre für den russischen Leser sicher eine erklärende Fußnote hilfreich gewesen, um den Konnotationen, die das Wort im Deutschen besitzt, gerecht zu werden. Möglicherweise aber hat die gleichzeitig exakte und mutige Übersetzerin für diese Abweichungen gute Gründe, die sich der Rezensentin noch nicht erschlossen haben.

    Es bleibt zu hoffen, dass diese Perle der deutschen Lyrik und gleichzeitig Meisterstück der Übersetzungskunst viele Leser findet.

     

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