Hinter den Regalen – Im Gespräch mit Elke Jinschek, der programmatischen Leiterein für Belletristik in der Stadtbibliothek Essen

    von Oliver Bruskolini

    Wir alle kennen und schätzen Bibliotheken. Wer sich ansatzweise für Bücher interessiert, hat mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit schon ein Buch in der örtlichen Bücherei ausgeliehen. Doch wie gelangen die Bücher in die Bibliothek? Können AutorInnen Einfluss auf die Platzierung ihrer Werke nehmen? Wer entscheidet nach welchen Kriterien? Und was geschieht mit den aussortierten Büchern.

    Wir haben mit Elke Jinschek, der programmatischen Leiterin des Belletristik-Bereichs der Stadtbibliothek Essen, gesprochen und versucht, diesen Fragen auf den Grund zu gehen.

    ©Stadt Essen

    Danke, dass Sie sich die Zeit nehmen, unsere Fragen zu beantworten. Sie sind als programmatische Leiterin für die Belletristik in der Stadtbibliothek Essen verantwortlich. Wie sehen Ihre Aufgaben in dieser Funktion aus?

    Grundsätzlich bedeutet es, dass ich für den Bestandsaufbau und die Bestandspflege im Bereich Belletristik zuständig bin. Ich habe jedes Jahr einen bestimmten Etat zu Verfügung, den ich im besten Fall so einsetze, dass zum einen die Wünsche und Erwartungen unserer Leserinnen und Leser erfüllt werden, zum anderen aber auch Literatur in den Regalen zu finden ist, die außerhalb von Bestsellerlisten, Buchpreisen etc. liegt und diese auch sichtbar zu machen (z.B. durch Ausstellungen, kleine Präsentationen).

    Daneben ist auch das Aussondern von Beständen meine Aufgabe.

     

    Der Buchmarkt befindet sich in einem ständigen Prozess, die potenzielle Auswahl der Lektüre ist schier unüberschaubar. Nach welchen Kriterien und Strategien wird der Bibliotheksbestand aufgebaut? Unterscheidet sich das Vorgehen von Bibliothek zu Bibliothek?

    Ein wichtiges Kriterium für die Medienauswahl sind natürlich die Wünsche und das Ausleihverhalten unserer Leserinnen und Leser. Ähnlich wie im Buchhandel gibt es eine große Nachfrage nach bekannten Autorinnen und Autoren, nach mit Preisen ausgezeichneten Titeln und nach bestimmten Genres, z. B. Krimis, Liebesromane.

    Darüber hinaus sollen auch die Leserinnen und Leser ihre Bücher finden, die spezielle Interessen haben, z.B. Romane von jungen, noch nicht etablierten Autorinnen und Autoren, Romane aus anderen Kulturkreisen, Romane zu aktuellen gesellschaftlichen Themen.

    Ich denke, die Auswahlkriterien sind in vielen Bibliotheken ähnlich, aber abhängig von der Bibliotheksgröße und den finanziellen Möglichkeiten.

     

    Der Raum, der zur Lagerung der Werke zur Verfügung steht, ist begrenzt. Das heißt, irgendwann müssen einige Bücher in den wohlverdienten Ruhestand gehen. Wie sind hier die Kriterien, nach denen entschieden wird, welche Titel aus dem Sortiment gestrichen werden? Und was passiert mit den aussortierten Büchern?

    Es stimmt, dass jedes Jahr eine Anzahl von Büchern ausgesondert wird. Das sind zunächst einmal beschädigte oder zerlesene Exemplare. Hier muss evtl. über eine Ersatzanschaffung nachgedacht werden, z. B. bei Klassikern oder Schullektüren. Darüber hinaus werden auch die Titel aus dem Bestand genommen, die seit längerer Zeit nicht mehr entliehen wurden. Die meisten Bücher sind dann auch in einem schlechten Zustand, so dass sie fortgeworfen werden. Die noch gut aussehenden Exemplare verkaufen wir auf unserem Flohmarkt.

    ©Stadtbibliothek Essen

    Viele unserer LeserInnen schreiben selbst. Generell verspüren viele Menschen den Wunsch, ein Buch zu schreiben und zu veröffentlichen. Da ist es natürlich ein schönes Gefühl, das eigene Werk in den Regalen einer Bibliothek zu sehen. Haben Sie ein spezielles Auge auf den regionalen Literaturmarkt? Oder sollten die AutorInnen besser selbst aktiv werden und den Kontakt suchen? Wie sind dabei ihre Chancen, es ins Programm zu schaffen?

    Wir haben in der Zentralbibliothek Essen den regionalen Bereich „Essen +Ruhrgebiet“ mit Belletristik und Sachliteratur, der von einer anderen Kollegin betreut wird. Sie sichtet auch die Programme der Verlage, die sich auf Ruhrgebietsliteratur spezialisiert haben oder schaut in Buchhandlungen vorbei, die für ihre regionalen Bestände bekannt sind. Essener Autoren, deren Bücher keinen Bezug zum Ruhrgebiet haben, werden allerdings in den allgemeinen Romanbestand einsortiert. Trotzdem können wir natürlich einiges übersehen, sodass es schon Sinn macht, als Autorin oder Autor den Kontakt  zu suchen. Ist der Bezug zu Essen und dem Ruhrgebiet gegeben, werden die Titel in der Regel auch eingearbeitet.

     

    Wenn man sich mit Menschen austauscht, die täglich mit Büchern arbeiten, verleitet diese Frage einfach zu sehr: welches ist Ihr Lieblingsbuch? Was ist generell ein „gutes Buch“ für Sie?

    Ein Lieblingsbuch habe ich eigentlich nicht, ich lese aber sehr gerne Romane von englischen und amerikanischen Autorinnen.

    Ein gutes Buch ist für mich zum einen jedes Buch, das seine Leserin / seinen Leser in ihrer/seiner persönlichen Situation anspricht und Impulse gibt, zum anderen aber auch jedes Buch, das einen so gefangen nimmt, dass man seine Umgebung darüber vollkommen vergisst.

    ©Stadtbibliothek Essen

    Eine provokante These zum Abschluss: die neuen Lesemedien und die allgemein rückläufige Lesebegeisterung erschweren der Literaturlandschaft und somit auch den Bibliotheken das Leben. Würden Sie dieser These zustimmen? Warum würden Sie LeserInnen dennoch eine Bibliotheksmitgliedschaft empfehlen?

    Sicher ist, dass nicht mehr so viel gelesen wird, weil sich die Angebote zur Freizeitgestaltung stark verändert haben. Aber Bibliotheken haben sich dem auch in vielerlei Hinsicht angepasst, sodass neben den klassischen Buchleserinnen und –lesern auch viele andere Nutzerinnen und Nutzer hier ihre Medien finden. So gibt es in unserem Bestand natürlich auch Zeitungen und Zeitschriften, Hörbücher und Musik-CDs, DVDs, Konsolenspiele und Tonies. Und das Angebot an Büchern und Hörbüchern wird ergänzt durch die Onleihe, in der man über das Internet E-Books und E-Audios ausleihen kann.

    Darüber hinaus gibt es noch weitere digitale Angebote. Mit der Servicekarte der Stadtbibliothek Essen kann man zu Hause mit Rosetta Stone Sprachen lernen, mit der Naxos Online Musik Library Musik streamen oder Informationen in Datenbanken suchen.

    Eine Bibliotheksmitgliedschaft lohnt sich in jedem Fall, ob man nun Vielleser ist oder gerne neue Medien ausprobiert.

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