Heimatlose

    von Marion Leuther

    „Ich werde niemals in dieses Land zurückkehren“, sagt ihre Mutter am Telefon. „Eher lasse ich mich vierteilen und meine Gliedmaßen an die Schweine verfüttern.“

    Rebecca Siebenstein seufzt, sie hat das schon so oft gehört. Nur das mit den Schweinen ist neu. Ihre Mutter lebt koscher, Schweinefleisch gilt in ihrem Land als unrein. In ihrem Land. Dass Rebecca so deutlich zwischen dem Land ihrer Mutter und ihrer selbst gewählten Heimat unterscheidet, macht ihr erneut bewusst, wie sehr sie sich bereits von ihrer Herkunft abgetrennt hat. Mit neunzehn ist sie fortgegangen, inzwischen ist sie siebenundvierzig.
    Rebecca lebt also schon länger hier, in diesem verfluchten Land, als in dem Land ihrer Mutter.
    „Wie kannst du nur unter diesen Goj leben“, sagt ihre Mutter. „Ich verstehe dich nicht, Kind. Wie konntest du dir das antun.“
    Wie konntest du mir das antun, meint sie in Wahrheit.

    Rebecca denkt, dass jedes Gespräch mit ihrer Mutter nur aus Wiederholungen besteht. Esther Siebenstein wird im Herbst sechsundachtzig. Ihr Ehemann, Rebeccas Vater, ist schon lange tot. Und Esther wird immer gebrechlicher. Rebecca möchte sie zu sich holen, sich um sie kümmern. In ihrem Haus ist Platz genug. Doch ihre Mutter stemmt die Hufe in den Boden wie ein trotziges Maultier; in einen Boden, der in Rebeccas Erinnerung fast nur aus Steinen und Sand besteht.
    Rebecca kann es verstehen, oh ja, sie versteht nur allzu gut. Ihre Mutter müsste mehr überwinden als die viertausend Kilometer im Flugzeug. Sie müsste mehr zurücklassen als ihr Haus, ihre Freundinnen, den Garten mit den Olivenbäumen.

    Rebecca tut dieses Verstehen weh, trotzdem spürt sie wütende Hitze in sich aufsteigen. Wieder einmal. Sie wünschte, ihre Mutter könnte endlich verzeihen. Doch Unversöhnlichkeit zieht sich wie ein roter Faden durch Esthers Leben. Auch davor ist Rebecca weggelaufen, vor dem riesigen, glühenden, purpurroten Hass ihrer Mutter.
    „Mama, ich bin hier, um zu verstehen“, sagt sie. „Warum das mit dir passiert ist.“
    „Was gibt es da groß zu verstehen.“
    Ihre Mutter stößt die Worte durch den Hörer. „Es ist passiert, es ist vorbei, aus diesem Leben kann nichts Gutes entstehen.“
    Ich habe hier Freunde, denkt Rebecca, ich habe einen Ehemann, einen Beruf.

    Sie hat sich diesem Land völlig hingegeben, es in sich aufgesogen; doch das Begreifen kam nie. Rebecca empfindet dennoch keinen Abscheu. Dieses Land ist ein anderes als jenes, das ihrer Mutter so viel Leid und Schmerz zugefügt hat. Es hat sich erneuert, so wie Rebecca selbst eine andere geworden ist, doch ihre Mutter will das nicht begreifen.
    „Du darfst dich niemals mit denen gemein machen“, sagt Esther. Ihre Stimme zittert. „Es ist gefährlich, unter Mördern zu leben.“
    Rebecca seufzt erneut.
    Für ihre Mutter wird dieses Land immer ein rauchender Schornstein sein, der den Gestank verbrannten Menschenfleisches hinauf in den kalten Nachthimmel stößt. Es wird immer der Stacheldrahtzaun sein, der sich um das Lager windet, spitz, blutbefleckt, unüberwindbar. Es wird immer der Hunger sein, der sich unablässig in den Magen bohrt, die gebrüllten Befehle, die Tritte harter Stiefel in weiches, verletzliches Fleisch, die Schüsse, die Schreie, die kalte Angst, den nächsten Morgen nicht zu erleben.
    Dieses Land hat ihrer Mutter alles genommen. Ihre Eltern, ihre Brüder, ihre Freunde. Es hat seinen Hass so tief in Esthers Haut geritzt wie die eintätowierte Nummer in ihrem Unterarm.

    Für ihre Mutter wird dieses Land immer nur eines sein: Auschwitz.

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    2 Gedanken zu „Heimatlose“

    1. MACHT SPRACHE
      SPRACHE MACHT

      Politiker dürfen Menschen mit
      Ungeziefer vergleichen das tot

      HartzGesetze zwangen Bürger
      ohne Gerichtsverhandlung ins

      Be.greife Deut.sch.land
      Untertanengeist im Hirn

      ermöglichte Menschenfleisch
      hinter Stachel.Draht wie Vieh

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