Bestfall

    von Christiane Michel

    Warte mal, die Tür klemmt. Oder ich habe einfach nicht mehr genug Kraft. Ist eine dieser schweren Stahltüren, die Keller häufig haben. Hatten wir früher auch und habe ich als Kind schon nicht aufbekommen. Aber ich bin ohnehin nie gern im Keller gewesen.
    Tim hat mich vorgewarnt, dass es feucht und muffig sein würde. Aber mich schockt inzwischen nichts mehr.  Jedes Wochenende der letzten zwei Monate war ich hier, mit Ausnahme des letzten, an dem ich den Kurs hatte. Sechs deprimierende Wochenenden lang arbeite ich mich nun durch dieses Haus, nicht nur praktisch. Angefangen habe ich im Esszimmer, wo ich Porzellan katalogisiert und verpackt habe. Das haben wir ins Auktionshaus gebracht.
    Eine enorme Menge an Geschirr war das. Und ein Workshop in Porzellankunde. Ich hätte fast Spaß daran gefunden, Du weißt schon, die Bodenmarken der einzelnen Stücke recherchieren und so, wenn das Ganze nicht so traurig gewesen wäre. Dabei war ich an diesem ersten Wochenende noch motiviert, habe diese vollgestopfte Wohnung betreten und mich gleich ans Werk gemacht. Du kennst ja meinen Drang, Ordnung zu schaffen, der hat gleich übernommen.
    Tim war wie gelähmt. Ich glaube, er wollte den Anfang vom Ende vermeiden. Es ist sein Elternhaus, er musste das alles noch verarbeiten. Er hatte auch mit der Beerdigung und dem Pflegeheim genug anderes im Kopf. Aber für ihn wurde es dann mit jedem Wochenende leichter. Seine Lähmung hat im selben Maße nachgelassen wie meine Kraft. Und nun bekomme ich nicht mal mehr eine Tür auf! Oh, ich nehme einen feuchtkalten Zug wahr, Modergeruch, yummy. Die Tür hat sich einen Zentimeter bewegt. Der Boden ist durch die Feuchtigkeit uneben geworden und liegt in Wellen. Eine davon blockiert die Tür.

    „…“

    Nein, ich möchte ihn nicht rufen. Ich bin froh, dass…, vergiss es.
    Am zweiten Wochenende dann habe ich mir das Bad vorgenommen. Ich stand in der Tür und vor grünen Marmorwaschbecken, zwei nebeneinander, ganz klassisch, für sie und ihn. Neben den Wasserhähnen standen liebevoll arrangiert Seifenschalen mit noch verpackten, edel wirkenden Seifen, Jahre alt, das konnte man an der Verpackung sehen. Auf einem Regal standen diverse teure Parfümflakons. Das alles hat vornehm gewirkt, hübsch gestaltet, aber auch, als wäre die Zeit stehen geblieben.
    Eine dicke Staubschicht lag auf allem. Als ich ganz in das Badezimmer rein bin, habe ich den Teil gesehen, auf den mir die Tür zuvor die Sicht versperrt hatte und der das komplette Gegenteil von hübscher Gestaltung war. Körbe in einem Regal, überbordend mit Kämmen, Medikamenten, Gebissreiniger. In der Badewanne deutliche Ränder. Aber wie soll auch jemand eine Badewanne putzen, der nur noch mit einem Badewannensitz baden kann?
    Dieser Sitz ist das einzige, was Tim inzwischen verkauft hat. Und die Seifen haben wir aufgehoben, um sie der Mutter ins Pflegeheim zu bringen.
    „Am Ende ist das Leben eine Seifenoper.“ ist mir rausgerutscht. Ich hätte mir auf die Zunge beißen wollen. Aber Tim hat es nicht übel aufgenommen, mir nur einen leeren Blick zugeworfen. Alles andere habe ich in Müllsäcke gestopft, erst noch zaghaft, aus Pietät, aber das tut einem nicht gut, man muss rigoros sein.

    Das mit dem Müll wurde am dritten Wochenende zu viel für die Tonnen. Tim schlug vor, die Tüten mitzunehmen und zuhause zu entsorgen. Wir hatten Streit darüber, wie sinnvoll es ist, Müll meilenweit durchs Land zu fahren, anstatt einen Container zu bestellen. Aber er wollte das Geld sparen. Also sind Tüten voller abgelaufener Lebensmittel und Unmengen altersklebriger Tupperdosen sowie eine voluminöse Rezeptsammlung im Auto gelandet.
    Diese Sammlung war in jahrzehntelanger Mühe von der Mutter zusammengetragen worden, Ausschnitte aus Zeitschriften, Dr. Oetker-Rezeptkarten aus den 70ern. Das hat mich fertig gemacht. Die Mutter hat gern die Gastgeberin gegeben und man konnte an Fettflecken und Rückständen deutlich sehen, welche Rezepte sie häufig zubereitet hat. Rehrücken etwa. Game over, könnte man sagen.

    „…“

    Nein, auch dieses Wochenende hat er im Arbeitszimmer verbracht, sich durch Dokumente gewühlt, Nachweise für die Versicherung und die Grabstelle gesucht und so. Außerdem hat er kistenweise Fotoalben eingepackt, die in unserem Keller gelandet sind, was extremen Widerwillen in mir ausgelöst hat. Aber wir wussten nicht, was wir sonst damit tun sollten.
    Die Erinnerungen herzlos in die Tonne zu treten, war zu grausam. Seit Jahren haben wir wiederkehrende Diskussionen über Keller. Tim liebt Keller, weil man alles unterbringen kann, was man nicht in der Wohnung haben will. Für mich ist ein Keller eine Bürde, dieses ganze Gerümpel, so entseelt. Seit Jahren will ich mich davon frei machen, und jetzt das!

    „…“

    Ja, es ist in der Tat ironisch, dass ich mir nun ausgerechnet den Keller vornehme. Ich habe die Tür inzwischen über die Bodenwelle hieven können und bin drin. Sorry, wenn ich dumpf klinge, ich musste mir den Sweater über die Nase ziehen. Dieser Muff trifft einen wie eine Faust. Es ist eng, ich kann mich kaum umdrehen. Volle Regale, eine Armee von Einmachgläsern.
    Ich glaube, in denen haben sich Kulturen entwickelt, die wir von einem Spezialteam beseitigen lassen müssen. Und kistenweise Karnevalskostüme. Alaaf! Es wird kein Spaß, das Zeug hier raus zu tragen. Aber zum Spaß bin ich ja auch nicht hier. Den hatte ich letztes Wochenende, bei dem Kurs. Naja, vielmehr danach.
    Und nun muss ich die ganze Zeit an diesen Typen denken. Ich ertappe mich sogar dabei, wie ich in meinen Kopf Gespräche mit ihm führe, mir vorstelle, wie ich ihm von meiner Vergangenheit erzähle, wir uns besser kennenlernen. Es ist bloß Kopfkino, und doch habe ich ein schlechtes Gewissen. Tim hat mich dahin geschickt, wohlwollend.
    Am vierten Wochenende begann ich mit dem Zimmer der Mutter. Ein Raum voller Handwerkszeug, Bastelkram, Zeitschriften, Bücher, Souvenirs. So voll, dass ich da noch am fünften Wochenende zugange war. Ich habe stundenlang Bücher verpackt. Bücher kann ich nicht wegwerfen, die kriegen ein neues Leben, bei Oxfam oder so.
    Vielleicht ist was für Dich dabei, die Mutter hatte ebenfalls eine Vorliebe für sogenannte Frauenliteratur, Bücher mit   lieblichen Coverbildern. Es waren aber auch Klassiker dabei, Madame Bovary etwa. Noch mehr Ironie, ha. Ich konnte vor mir sehen, wie sie in diesem Zimmer ihre Ehe hinterfragt hat.

    „…“

    Ich sag Dir wieso.
    Als ich mit den Regalen fertig war, waren da noch einige Bücher auf dem Tisch neben dem Lesesessel, Titel wie „Entscheide, wen Du lieben willst“, „Ändere nicht Deinen Partner, ändere Dich selbst“, voll mit Lesezeichen. Ich glaube nicht, dass Tim davon wusste, und wollte ihm das auch ersparen. Er hat im Schlafzimmer nebenan herumlaboriert. Ans Schlafzimmer wollte ich nicht dran, das war mir zu nah. Tim hatte anfänglich vorgeschlagen, dass wir dort schlafen, wenn wir hier sind. Schrecklicher Gedanke! Nicht wegen Sex, der ist seit Wochen kein Thema. Aber dass es ihn selbst nicht stören würde, im Bett der Eltern zu schlafen, finde ich schräg. Wir sind nun immer in einer Pension.
    Wir waren noch was trinken, dieser Typ und ich. Und er hat etwas ganz Einfaches gesagt, das mir nicht aus dem Kopf geht. Das Überdauernde wäre nicht immer der Bestfall, manchmal sei ein Abriss besser, ein Neuaufbau.  Aber woher verdammt weiß man, was der Bestfall ist?
    Jedenfalls, um auf die Bücher zurückzukommen: Ich wollte nicht wissen, welche Stellen die Mutter markiert hatte, nur die Zettel, die sie als Lesezeichen benutzt hatte, rausnehmen. Aber nicht die Textstellen waren das Problem, sondern die Zettel selbst. Zettel, wie Tim und ich sie uns auch schreiben, mal profan, mal nett.
    Aber die Zettel waren allesamt von der Mutter geschrieben. Von „Im Kühlschrank ist Braten, Schatz“ bis „Ich freue mich auf den Tag mit Dir“. Ich war bestürzt, ich meine: Wieso waren die Zettel nicht bei den Sachen vom Vater? Und gibt es keine von ihm?
    Tim hat mich mal gefragt, ob ich erwarte, dass er diese Zettel aufhebt. Das tat ich nicht. Ich habe auch nur jene aufgehoben, über die ich mich besonders gefreut habe. Sind in meinen Zeitkapseln. Diese Idee habe ich von Andy Warhol geklaut. Ein Karton pro Jahr für Erinnerungen.
    Es gab mal eine Ausstellung, in dem die Inhalte seiner Kapseln ausgestellt wurden. Eintrittskarten, Zeitungsausschnitte, Notizen, sowas. Ich mache das nun seit 15 Jahren, sammle Kleinigkeiten, die für mich keine sind. Von Tims Zetteln war schon länger keiner dabei.
    Wie dem auch sei, eigentlich war mir immer egal, dass meine Zeitkapseln nie jemand zu Gesicht bekommen würde.
    Aber an diesem Wochenende, zwischen den Selbsthilfebüchern der Mutter, habe ich mich gefragt, durch wen ich eigentlich ausgemistet werde? Ich habe ja keine Kinder. Welche Augen inspizieren meine Erinnerungen? Betrachtet sie überhaupt jemand, bevor sie in der Tonne landen? Und was sagen sie aus? Andy Warhols Zeitkapseln waren faszinierend wie Ruinen, durch die man ehrfürchtig schreitet, sich mit der Geschichte befassend, das Überdauernde bewundernd. Und auf einmal war mir der Unterschied zu meinen eigenen Zeitkapseln doch nicht mehr so egal. Meine Zeitkapseln sind ein Keller en miniature. Ich spiele nicht in der Liga Ruinen, ich spiele in der Liga Gerümpel.
    Offenbar hab eich an diesem Punkt laut geschluchzt, denn Tim war plötzlich bei mir. Er hat die Zettel angeschaut und „Herrje..“ geseufzt . Als hätte er verstanden. Hat er aber nicht. Das hat mir den Rest gegeben, von der eigenen Einsamkeit überrascht zu werden.
    Nach meinem kleinen Zusammenbruch, wie Tim es nannte, hat er mir den Kurs geschenkt. Zur Ablenkung. Ein Fotokurs an einem verlassenen Ort, eigentlich genau mein Ding. Er hat es gut gemeint. Ihm ist dabei nur entgangen, dass er mich von einem Lost Place in einen anderen schickte, dass ich lost war.
    Jetzt stehe ich im Keller, und mir ist eigentlich nach tief Ein- und Ausatmen, bietet sich bei dem Muff aber nicht an. Ich glaube, Tim sucht mich. Ja, er kommt. Danke fürs Zuhören.
    Ich muss Schluss machen.

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