Berichte von der Insel – 14. Fährenbekanntschaften

    Eine Prosaminiatur von Walther

    Mein letzter Bericht von der Insel beginnt mit der Hinfahrt, die ich bereits etwas abenteuerlich gestaltete. Er endet mit der Rückfahrt, umschließt sozusagen alle Berichte.

    Wegen der langen Fahrt reiste ich in zwei Etappen an. Irgendwann lernt auch der heftigste „Stressgockel“ – wie die Schwaben dazu despektierlich sagen –, dass in der Ruhe die Kraft ist (oder liegt). Als die Weisheit eines Sprichworts kann man sich durchaus häufig verlassen. Man muss in seinem Leben eigentlich so gut wie nichts übers Knie brechen. Eine Autofahrt durch die Nacht oder über einen ganzen Tag muss jedenfalls nicht sein.
    Beim Aussuchen des Übernachtungsorts hatte ich ein Hotel in der Nähe von Münster in einem Autohof etwas abseits der Autobahn gewählt. Es war günstig, und ich wollte ausprobieren, wie ein Hotel ohne Rezeption funktioniert. Es funktionierte recht gut. Zwar gab es keinen Frühstücksraum, aber das nötige Essbare kann man durchaus im Vorfeld einkaufen. Es gab sogar einen Kühlschrank.
    Da es mir nicht auf Luxus ankommt, würde ich dieses Erlebnis bei Bedarf wiederholen.

    Ich hatte die Fähre von Emden am frühen Abend gewählt. Dadurch hatte ich Zeit, mir am zweiten Reisetag Emden etwas anzuschauen. Diese Chance habe ich weidlich genutzt. Auch das „Otto-Haus“ hätte dran glauben müssen, wenn die Ottifanten nicht Winterschlaf gehabt hätten. Statt Mittagessen verleibte ich mir gegen zwei Uhr nachmittags einen Käsekuchen ein, den ich begleitet von einem großen Pott Kaffee mit Genuss verspeiste. Das Ganze geschah mitten in einer Buchhandlung in der Fußgängerzone. Es war richtig etwas los.
    Ich habe mich gefragt, ob ein solches Literaturcafé vielleicht das Überleben der einen oder anderen privaten Buchhandlung sichern könnte. Das Internet und Amazon machen den kleinen Buchhändlern besonders zu schaffen. Wer seinen Buchladen auch in einer kleinen oder mittleren Gemeinde durch das harte Wetter bringen will, der muss sich etwas einfallen lassen, damit die Leute kommen und etwas kaufen. Dazu gehört sicher der eigene Internetshop, den man heute einfach beim Großhandel bekommen kann. Das aber reicht nicht mehr. Es muss etwas Besonderes sein, das die Kunden anzieht, begeistert und bindet.

    Apropos hartes Wetter: Als ich auf die Fähre fuhr, begann es erneut heftig zu regnen und ordentlich zu blasen. Ich hatte meine Zweifel, ob wir überhaupt starten würden. Das Wetter wurde, als wir die den Schutz der Emdener Förde verließen, schließlich ziemlich stürmisch. Ich hatte die Überfahrt hindurch danach durchaus bedenken, ob wir in den Inselhafen einfahren könnten. Er war bekannt für seine Enge und exponierte Lage.
    Auf der ersten Überfahrt habe ich eine junge Frau, in den Dreißigern, mit drei Kinder kennengelernt. Ihr recht klappriger Volvo stand nach dem Einparken direkt hinter mir, daher war ein Zusammentreffen nahezu unausweichlich. Wir kamen ein wenig ins Gespräch. Sie berichtete, in Mutter-Kind-Kur zu gehen. Ich habe mich danach noch ein bisschen um die Kinder gekümmert, als die Mama mal aufs Klo musste. Nach einem recht kurzen Ausflug an Deck, der durch aufkommenden Regen und eine ziemlich steife Brise recht rasch beendet wurde, hatte ich die kleine Familie vorerst aus den Augen verloren und erst wieder bei der Ausfahrt kurz gesehen.
    Die Fähre lag erstaunlich ruhig im recht hohen Wellengang. Daher gab es nur sehr wenige Seekranke an Bord.

    Das nächste Mal sah ich die Vier wieder, als ich einen meiner großen Inselrundgänge machte und dabei an der katholischen Mutter-Kind-Klinik im architektonisch sicherlich schönsten Bau von Borkum-Stadt vorbeikam. Sie kamen mir gerade aus der Innenstadt entgegen. Die Mutter hatte einige Kilos verloren und sah erheblich frischer aus. Ihr schien die Rehabilitation gut zu bekommen.
    Sie erzählte, dass es ihr richtig guttue, dass die Kinder ein eigenes Programm hätten und sie dadurch mehr Luft zum Atmen und letztlich Zeit für sich selbst. Der zweite Halbsatz hat es in sich, und ich denke und knabbre heute noch an ihm herum. Dabei frage ich mich immer wieder, wie ich eigentlich in dieser Lebensphase verhalten habe. Und ich habe das Gefühl, dass die ehrliche Antwort mir gar nicht schmecken dürfte. Deshalb drücke ich mich wohl um sie.

    Vor der Fähre am Tag der Rückfahrt sah ich den alten Volvo wieder. Die Mama tigerte mit dem Kleinsten der Rasselbande durch die Gegend. Ich winkte. Kurz darauf marschierte sie mit der Tochter in Richtung dessen, was sich segensreicher Weise als Toilettenhäuschen in bestem und wirklich sauberem Zustand herausstellte.
    Von Müttern lernen, heißt siegen lernen, wandelte ich einen ziemlich blöden Kommunistenspruch ab und gab ihm damit endlich einen brauchbaren Sinn. Ich hatte einen ziemlichen Druck auf der Flöte, wie das die Herren der Schöpfung lässig festhalten, und war unheimlich froh, die erleichternde Stange Wasser an einem ziemlichen, weil geeigneten, Ort abstellen zu können. Jedenfalls ging ich um Sorgen und Flüssigkeit erleichtert zurück und traf die Vier an ihrem Fahrzeug an. Das defekte Rücklicht löste bei der Mama ein leichtes Schulterzucken aus und ein verschmitztes Lächeln, verbunden mit dem trockenen Kommentar: Alleinerziehend mit drei Kindern.
    Dem war wenig entgegenzusetzen, denn es erklärte alles. Ich nahm wiederum einiges zum Bedenken mit mir. Von Müttern kann man in der Tat etwas lernen. Und zwar nicht nur von der eigenen.

    Die Überfahrt war gemächlich, das Wetter wolkig bis heiter, Wind und Wellengang für die Küste fast sanft. Ich stand die meiste Zeit auf dem Deck und schaute mir die Gegend, besonders in der Förde, näher an. Als es soweit war, die Fahrzeuge wieder aufzusuchen, sah ich die Vier wieder. Sie standen erneut ganz in der Nähe. Wir verabschiedeten uns freundlich, und die Mama erzählte mir dabei, dass ihr Freund sie und die Kinder erwarte und sie noch ein paar Tage gemeinsame Zeit an die Kur dranhängen würden.
    Ich habe mich ins Auto gesetzt und bin bis Vechta gefahren, um dort einen Verleger zu besuchen, den ich für mein Literaturprojekt interviewt hatte. Ich wollte etwas darüber erfahren, wie er mit Schulen Bücher machte. Über das Gespräch berichte ich an anderer Stelle sicherlich einmal.
    Nach der Übernachtung in Vechta fuhr ich in das Rhein-Main-Gebiet, um entferntere Familie und einen Studienfreund zu besuchen. Am Abend des zweiten Reisetags war ich mehr als froh, meine Herzallerliebste endlich in den Arm nehmen zu können. Und ich hoffte inständig, dass ich ihr ähnlich ging – auch wenn ich weder ein vorbildhafter Lebenspartner noch ein Modellvater meiner Töchter gewesen bin. Von Müttern seiner Kinder kann man auch Hochherzigkeit lernen, selbst wenn man sie eigentlich eher nicht verdient hat.

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