Berichte von der Insel – 1. Der Seeräuber

    Eine Inselprosaminiatur von Walther

    Es war verdammt kalt, und eine steife Brise blies mir die Worte in den Mund. Der Stand war mein Ziel, raus, dorthin, wo die Wellen den Strand hochkriechen. Am Priel war keine richtige Brandung. Sie konnte man entlang der entfernten Außenkante erkennen; es war starker Nordwind, aber noch lange kein Sturm, der das Meer manchmal bis an die Bewehrung treibt und dort hochschlagen läßt, deren Treppen man hinabsteigen kann, um sich im ziemlich festen Sand zu ergehen.
    Ich war also – eingemümmelt bis zur Nasenspitze und gegen den Wind den Kopf gesenkt haltend – die Treppe hinuntergestiegen und eine gute halbe Stunde am Strand entlang getapert, hatte mich dabei nach rechts gewandt und anschließend zwischen den Dünen hindurch weitergegangen.
    Immer wieder hüpften Kaninchen über den Weg, den ich eine Strecke, ungefähr zwanzig Minuten, weiter ging. Der Wind trug mich dabei, und das machte es leicht. Als ich mich umwandte, um zurückzumarschieren, bezahlte ich die Rechnung fürs Angeschoben-Werden: Nun schob ich zurück, und zwar mich, gegen den Wind ankämpfend. Es nieselte, und meine Brille war bald von kleinen Tröpfchen überzogen.
    Ein Fasan querte den Weg, ich versuchte ihm im Gestrüpp rechts des befestigten Fußwegs nach zu spähen, in das der Vogel verschwunden war. Leider war die Brille zu sehr voll getröpfelt, und das dunkle Grau der tiefhängenden Wolken beschränkte die Sichtweite und -genauigkeit zusätzlich.

    Schließlich war ich wieder vor der Klinik angenommen, ein wenig außer Atem. Eine schlanke Frau um die Fünfzig, mit kurzen Haaren auf einem Fahrrad sitzend, blickte auf das Meer hinaus, in das diesige-gräuliche Ungefähr, in die Richtung, wo die Seehunde lagen. Man konnte sie als Häufung länglicher schwarzer Ellipsoide am Strand auf der anderen Seite des Priels erkennen. Ich bewunderte sie, dass sie auf eine Kopfbedeckung sowie auf Handschuhe verzichtet hatte.
    Auf einmal setzte sich ein Rabe, aus dem Nichts kommend, auf die Lenkerstange ihres Damenrads. Sie streichelte sein Gefieder und begann, auf ihn einzureden. Plötzlich hopste er auf ihren linken Unterarm und arbeitete sich in Richtung ihrer linken Hand vor, um tatsächlich zwischen Daumen und Zeigefinger hinein zu picken. Der Vogel hatte wohl erwartet, dort etwas Essbaren zu finden. Als er erkannte, dass diese Hoffnung trog, flatterte er ihr auf die linke Schulter und pickte zielgerichtet auf ihr linkes Ohrläppchen. Dann flog er auf, und weg war er, als ihn eine Bö schräg nach oben wegtrug, die er ausritt und danach in Richtung Sandstrand verschwand.
    Die Frau griff sich daraufhin ans Ohr und schüttelte ungläubig den Kopf.
    „Er hat mir den Ohrring stibitzt“, rief sie in den Wind, als ich sie fragend anschaute, „er hat mir den Ohrring stibitzt!“
    Sie zuckte mit den Achseln und radelte fort.

    Etwas später habe ich durch einen anderen Gast der Reha-Klinik erfahren, dass es auf Insel einen Raben namens Jacky gebe, der sehr fast zahm und zutraulich und manchmal richtig zudringlich sei. Menschen hätten ihn aufgezogen, berichtete man. Er sei eine lokale Berühmtheit, über ihn schreibe die Zeitung immer wieder kleine Geschichtchen von Sachen, die er anstelle. Er klaue wie ein Rabe, sagte man.
    Ich habe zu diesem Bericht gelächelt. Schließlich war ich Zeuge einer solchen Episode geworden. Aber ich behielt sie bei mir, denn Seemannsgarn muss man sparsam verwenden. Es wächst nicht so einfach nach. Die Flechten auf den Fensterbänken, sagt man, wüchsen schneller.

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