Eine kleine Sammlung verschiedener Gedichte

Anmerkung der Übersetzerin:
Einzelne weitere andere Gedichte: Mirosnycenko (geb. 1947) und Holoborodko (geb. 1945, Publikationsverbot, Tamisdat, schreibt bis heute) sowie Pachl’ovska die Tochter einer der bekanntesten ukrainischen Dichterinnen (Lina Kostenko), die als Wissenschaftlerin in Italien lebt

 

MYKOLA MIROŠNYČENKO

Im Marmormeer
sind die Wellen aus Marmor
sind die Fische aus Marmor

Im Marmormeer
sind die Schiffe aus Marmor
mit marmornem Rauch

Und auf den Marmorschiffen
sind die Seeleute aus Marmor –
Denk

ler

* * *

Und die Sterne
sind wie Sterne

und der Himmel
ist wie der Himmel

und der Rasen
ist wie der Rasen, –

nur ich
bin nicht wie ich…

* * * * * *

VASYL‘ HOLOBOROD’KO

An der Ecke jener Straße
wuchs der Baum des Jahres
und bedeckte sich mit Blättern aus Stunden
alle warteten darauf dass Vögel herflögen
und auf diesem Baum ein Nest bauten
Alle warteten um überzeugt zu werden
dass dieser Baum kein toter Baum sei
Doch wenn du nebenan zum Uhrmacher gehst
siehst du dass alle Uhren angehalten haben
und nur hörbar ist wie von ihren Zifferblättern
der Sand der Stunden rinnt
Jetzt wissen alle
dass der Baum tot ist

* * * * * *

OKSANA PACHL’OVS’KA

Die letzte Zikade

Wenn sich die Türen schliessen

hinter dem letzten Regen
und hinter dem letzten Nebel,
wenn die endgültige synthetische
Ära
eintritt,

dann
greife ich
in einer fernen Generation
nach dem Bein der letzten Zikade
und sage zu ihr:
Flieg, Letzte, hinter dem letzten
Regen,
Nebel,
Wind,
Kranichen her.
Dir gelingt es vielleicht noch sie einzuholen.
Da – siehst du? –
bleibt ein enge
Spalte
für eine einzelne Zikade
in den hohen, beinahe geschlossenen Türen
der Natur.

Doch wir können uns schon nicht mehr durch sie hindurch quetschen.

* * * * * *

Die Wälder am Prypjat

Es brennen die Wälder am Prypjat.
Es brennen
die trockenen
Wälder
im Mai.
…Stimmen deiner Vögel
und deine uralten Baumstümpfe.

Alte Fichten
sind jetzt
wehrlos.
Diese verbrannten Baumstämme
und zu Asche gewordene Wipfel!

Schon steht Rauch über den Kiefern,
doch du
träumst
von Regen.
Du bist nicht Jahre und Jahrhunderte alt,
sondern hundert Brände und Brandstätten.

Du hättest hier nicht wachsen können,
denn an was
erinnerst du dich
jetzt?
Nur die schwarzen Kiefern schaukelst du
wie Kreuze über der Asche.

Und der verbrannte Horizont verschwindet
hinter grauen
Winden.
…Deine Erde. Dein Fluss.
Deine Feuersbrunst im Mai.

Ein letzter Vogel auf einem Zweig.
Ein Nestchen
wie glühende Kohle.
…Du brennst, an die Erde gebunden,
denn hier sind deine Wurzeln.

Ins Deutsche übertragen von Jutta Lindekugel im April 2009

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