Viktor

    von Tanja Bernards

    „Nie verbringen wir einen Sonntag gemeinsam“, schmollte ich am Samstagabend beim Essen.
    „Wir kochen doch meistens zusammen“, erwiderte Viktor ungerührt.
    „Das ist doch Arbeit!“
    Ich verzog mein Gesicht.
    „Ich kann auch sonntags für dich kochen.“
    Viktor drehte meditativ die Spaghetti auf seine Gabel auf.
    „Darum geht es nicht!“
    Ich ließ mein Besteck sinken.
    „Es geht um die gemeinsame freie Zeit.“
    Meine Stimme erklang etwas zu laut in dem fast leeren Restaurant. Der Mann an der Bar blickte zu uns herüber. Viktor hatte es auch bemerkt.
    „Nach dem Essen schauen wir doch meistens den Sonntagskrimi.“
    Beschwichtigend legte er seine große Hand auf meine Linke. Die Berührung versöhnte mich ein wenig, und ich drückte seine große Pranke. Viktor lächelte mich hoffnungsvoll an.
    „Kannst du nicht mal einen Sonntag mit mir verbringen?“, fragte ich leicht flehend und ärgerte mich sofort über mich selber.

    Viktors Augenbrauen hatten sich zusammengezogen, und er blickte starr auf seinen Teller. Der Mann an der Bar hatte sich wieder seinem Getränk zugewandt.
    „Das Filet ist sehr gut, findest du nicht?“
    Viktor hatte seine Hand wieder weg ezogen und schnitt elegant ein Stück von seinem Fleisch ab. Ich zuckte nur mit den Achseln.
    Es blieb, wie immer, bei unseren sonntäglichen Ritualen. Viktor im Fitnessstudio mit anschließender Sauna, ich mit unserem Hund Jacko im Nationalpark. Wir durchstreiften Wälder, folgten Feldwegen, begaben uns über schmale Holzbretter durch die Moorlandschaft, und immer wieder hielt ich inne, um die landschaftliche Schönheit zu bewundern, während Jacko voraus flitzte, über Gräben sprang und mit Stöcken spielte. Ich genoss diese Ausflüge zwar sehr, trotzdem fiel es mir auch nach drei Jahren Ehe schwer, die Sonntage ohne meinen Mann zu verbringen.

    Die Natur interessierte Viktor nicht. Er war ein Stadtmensch. Und wandern wollte er schon gar nicht. Jedes Mal, wenn ich den monatlichen Einzug des Sportstudios auf unseren Kontoauszügen sah, zuckte ich innerlich zusammen. So ein Wahnsinn würde mir nie einfallen! Abgesehen davon hatte Viktor mich jedoch auch nie gefragt, ob ich einmal mitkommen würde.
    Der Sonntagabend gehörte dann aber allein Viktor und mir. Wir kochten uns etwas Besonderes und ließen das Wochenende bei einem Glas Wein und dem Tatort ausklingen, während Jacko erschöpft zu unseren Füßen schlief.
    Im Bett ging es dann meist sehr leidenschaftlich zu, und ich fühlte mich jung und frei und begehrenswert.

    Ein Bänderriss an meinem rechten Fuß zerstörte unseren eingespielten Ablauf. Der Fuß durfte nur wenig belastet werden, meine Spaziergänge mit Jacko fielen flach. Viktor musste mit dem Hund gehen, erfüllte seine Pflicht kurz vor seinem Gang ins Fitnessstudio und ließ Jacko im Anschluss noch eine größere Runde durch die Felder laufen, während ich missmutig zuhause am Tisch sitzend das Gemüse vorbereitete.
    „Wie war`s beim Sport?“, fragte ich Viktor, als er sich endlich zu mir in die Küche gesellte.
    Mittlerweile war es schon dunkel draußen.
    „Ich sterbe vor Hunger.“
    Viktor öffnete den Kühlschrank und holte die Fleischplatte heraus.
    „Ich finde, dafür, dass du jeden Sonntag so ausgiebig trainierst, hast du in der letzten Zeit schon etwas zugenommen.“
    Ich blickte prüfend auf die Wölbung seines Bauches, die ich von meiner sitzenden Position gut im Blick hatte. Viktor folgte meinem Blick und sah etwas betroffen an sich herunter.
    „Das ist das Alter“, antwortete er etwas verlegen und blickte dann stur auf die Pfanne, in die er die Fleischstücke kross anbraten ließ. Der Geruch von Knoblauch, Rosmarin und Rotwein breitete sich in der Küche aus.
    Ich stand vom Stuhl auf, humpelte zu Viktor und schlang die Arme von hinten um seinen kleinen Bauch. Er versuchte sich aus meiner Umarmung zu lösen.
    „Ich habe es noch nicht geschafft zu duschen, wollte erst mit Jacko raus.“
    Er klang leicht gereizt.
    „Das stört mich nicht“, erwiderte ich, „ich mag deinen Geruch.“
    Ich umarmte ihn trotz des Widerstandes ein wenig fester und vergrub meine Nase in seinem Pulli. Ein mir unbekannter Duft vermischte sich mit Viktors Körpergeruch und dem Essensduft.
    „Benutzt du ein neues Deo?“, fragte ich irritiert.
    „So kann ich nicht kochen“.
    Viktor schob mich ärgerlich ein Stück von sich weg.
    „Deckst du schon mal den Tisch?“

    Das Essen war eine kulinarische Wohltat. Ich nahm zweimal nach, und auch Viktors Appetit ließ nicht zu wünschen übrig. Nach dem Essen rollten wir uns auf das Sofa. Ich beäugte kritisch meinen vollen Bauch. Der Bund meiner Jeans drückte unangenehm.
    „Ich rufe morgen früh im Fitnessstudio an und frage, ob ich am Sonntag mit dir eine Probestunde nehmen kann. Vielleicht kann ich ein wenig den Bauch trainieren. Laufen darf ich ja nicht“, verkündete ich fröhlich und lehnte mich an Viktor.
    Viktor schwieg.
    Etwas unsicher sprach ich weiter.
    „In die Sauna gehen könnte ich bei diesem Wetter auch, und da gibt es bestimmt …“
    „Ich halte das für keine gute Idee!“, unterbrach Viktor mich barsch.
    Ich setzte mich auf und sah ihn fragend an.
    „Was ist los mit dir?“
    „Du sollst dich schonen! Und um in die Sauna zu gehen, musst du dich nicht im teuren Fitnessstudio anmelden.“
    „Aber dann könnten wir sonntags zusammen …“
    „Der Film hat angefangen“, fiel mir Viktor erneut ins Wort. Die Art, wie er mit mir sprach, war mir völlig fremd und ließ jedes weitere Wort in mir unausgesprochen verklingen.

    Am nächsten Sonntag rann die Zeit langsam wie dickflüssiger Honig dahin. Ich beschloss, das Essen schon mal vorzubereiten, bevor ich unzufrieden vor dem Fernseher hängen blieb.Ich war gerade dabei, die Spinatlasagne in den Ofen zu schieben, als Viktor mit Jacko zur Tür hineintrat.
    „Du sollst dich doch schonen“.
    Er gab mir einen flüchtigen Kuss. Und da war er wieder. Der Geruch! Etwas blumig und leicht süßlich. Ein billiges Frauenparfum!
    „Wo warst du?“, fragte ich Viktor im leicht scharfen Ton.
    „Was soll die Frage?“
    „Du riechst nach einer Frau!“
    Viktor schwieg.

    Ich schmiss die Topflappen auf die Ablage und verließ, so schnell es mein verletztes Bein gestattete, die Küche. Im Schlafzimmer warf ich mich aufs Bett und vergrub mein Gesicht in den Kissen. Ich wartete, aber Viktor kam nicht zu mir. Das Essen ließ ich ausfallen, und auch beim Tatort leistete ich meinem Mann keine Gesellschaft. Sein Bettzeug warf ich ihm vor die Schlafzimmertür.
    Ich beschloss, Viktor auf frischer Tat zu ertappen. Zumindest wollte ich Beweise an der Hand haben, um ihn damit zu konfrontieren. Sollte ich ihm drohen, auszuziehen?

    Der Unfall war nun vier Wochen her, eine kleine Autofahrt würde mein Fuß sicherlich überstehen. Also folgte ich seinem blauen VW Kombi am nächsten Sonntag in die Stadt zum Einkaufscenter. So schnell und leise es meine Verletzung zuließ, humpelte ich hinter Viktor in Richtung Sportcenter. Zielsicher ging Viktor am Eingang vom Sportstudio vorbei und betrat die Besuchertoiletten. Ich wartete bestimmt zehn Minuten. Ob er sich dort ein Schäferstündchen mit seiner Geliebten gönnte?
    Eine große stark geschminkte Frau mit langen blonden Haaren verließ den Toilettenraum. Kritisch beäugte ich sie von meinem Versteck hinter einem
    Spielzeugautomaten aus. Das sollte Viktors Geliebte sein?
    Die Frau blieb an einem Schaufenster stehen und schob sich die Haare ein wenig zurück. Die Art, wie sie die große Hand zum Kopf hob kam mir sehr vertraut vor. Ich starrte sie an. Das war gar keine Frau! Jetzt erst erkannte ich Viktors Statur und seine Gesichtszüge. Der laute Ton des Entsetzens, der unkontrolliert meiner Kehle entsprang, prallte an den Wänden des Einkaufscenters ab und legte sich als ein Fiepen in mein Ohr.
    Zu spät reagierte mein Körper auf meine Befehle und die zitternden Knie duckten sich hinter dem Spielzeugautomaten. Ein dumpfer Schmerz durchfuhr meinen Knöchel.
    Viktor hatte den Kopf gedreht und starrte zu mir herüber. Unsere Blicke trafen sich in dem Moment, in dem ich zu Boden ging. Als ich mich wieder traute zum Schaufenster zu sehen, war Viktor verschwunden.

    Er kam nicht zur gewohnten Zeit nach Hause. Wütend packte ich wahllos Kleidungsstücke aus meinem Schrank in unseren Koffer. Das letzte Mal waren wir damit auf Fuerteventura gewesen.  Das Atmen fiel mir schwer. Meine Fantasie malte dunkle Bilder vor mein inneres Auge. Viktor auf der Flucht. Viktor als blutige Leiche am Bahnübergang. Die in Frauenkleider verpackten Körperteile verteilt. Viktoria, in einem Club, lachend mit einem fremden Kerl flirtend. Oder einer Frau? Ich ließ mich neben dem halbgepackten Koffer auf den Boden sinken und vergrub meinen Kopf auf meinen Knien.

    Es war nach Mitternacht, als ich das Türschloss hörte. Viktor betrat leise die Wohnung. Die Perücke war ein wenig verrutscht und sein Lippenstift etwas verschmiert. Er setzte sich neben mich auf den Boden und legte seinen Kopf auf meinen zusammengesunkenen Körper. Ich roch den Alkohol in seinem Atmen. Das blumige Frauenparfum und seinen eigenen, mir so wohlvertrauten Duft.
    „Willst du gehen?“ fragte er mit angstvoller Stimme.
    Ich zuckte die Achseln.
    „Weiß nicht.“, schniefte ich.
    „Können wir reden?“, fragte er.
    Ich nickte leicht und schob meine Hand in die seine. Sie fühlte sich warm und geborgen an.

     

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