Die Generation 1990

VOLODYMYR LUČUK

Der Ahorn brennt im Wind…
Doch ich
bleibe stehen,
vermag ihn nicht zu löschen.
Eine hundertarmige rote Flamme
umweht
mich…
Ich komme reiner aus dem Feuer,
sorgt euch nicht um mich.
Wie jener Ahorn
bleibe ich weiter stehen
und werde wieder grün.

* * * * * *

Vögel

Vögel wie Menschen neigen zu ihrem eigenen Nest,
bereit trotz Widrigkeiten die Weite zu erobern,
möge der Sturm auch donnern, aus dessen Nüstern Flammen schlagen!
Mögen die Flügel schmelzen wie die von Ikarus…
Im Gebüsch, in Trauer schaukeln Winde das Nest,
doch vielleicht wurde es längst zu den drei Teufeln fort getragen,
doch vielleicht gab es das Nest gar nicht – weder nachher noch vorher-
und wir fliegen, fliegen hinter den Menschen her…
Unter den Flügeln schmelzen die Werste Längenmaß der Jahrhunderte,
unter uns brodelt das Meer wie es will.
Senkrecht flog der Führer – führte nicht ins Ziel, –
Und wir unterwerfen das Meer ohne ihn.
… Menschen wie Vögel.
Die kosmische Tiefe erobernd
kreise ich im Vogelflug
und die Sonne wirft auf mich
gekreuzigte Schatten
auf das Nest der wolhynischen Vorfahren
über dem Ufer des Bug.

* * * * * *

Einfach ein Gedicht über die Sonnenblume
An Hryhorij Porfyrovyč Kočur[2]

Unter den Rüben, die meine Frau pflanzte,
wächst und sprießt sie, sich selbst gesät, sie
strebt zum Licht, wie alle… Pegasus
nagt an ihr: Das ist eine Sonnenblume! Sie wird groß werden
wie eine Glocke, der Herr im Garten!
– Liebe Oksana, jäte sie doch nicht aus, sieh!
Wenn der Regen ausbleibt, werde ich selbst Wasser
im Eimer herbei tragen… –  Sag nicht… einst
sagte eine Frau… –  Du wirst sehen!
Das ist ein Dichter: sät nicht, wächst doch!
Verwundert die Welt mit seiner Schönheit! Ihre Bewegung
gleicht der Bewegung der kosmischen Sonne – keine einfache Sache,
wie es, ach, nicht einfach ist Herzensrührungen mit einem Wort
zu bezeichnen in diesem Chaos des Seins,
in diesem Chaos… Ich bin noch nicht fertig, reg dich nicht auf –
unwillkürlich möchte ich träumen:
Hier eile plötzlich ein Hagelsturm herbei
und die goldgelbe Sonnenblume
fiele herausgerissen auf den Rücken! Und durch den Garten
ginge ein himmlisches Stöhnen! Und nirgends
wäre ein Ende, eine Grenze…Das Herz würde ich mir schneiden,
damit sie die volle Reife erreicht.
Ich würde sie aufbinden. Ich weiß einfach-
sie überlebt im Sturm, sie gehört nicht zu denen,
die von Unkraut betäubt oder vom Wind
in der heimischen Erde entwurzelt werden…
Dies ist einfach ein Gedicht über die Sonnenblume – Lettern
und Buchstaben werden zu Worten … und Bedauern.

* * * * * *

MYKOLA RJABČUK

da bin ich
meine lieben dichter
mache mich über die gedichte her

gewiss
auch ich
verfalle jener alten versuchung
die welt zu vervollkommnen

und so
erwärme ich
die gefrorenen vögel

richte
die zerrupften flügel der tauben auf

vielleicht ändert sich etwas
wind wird sich erheben
flügel werden ausgebreitet
sägespäne wird nicht fallen
und die glasaugen
erwachen zum leben

* * *

wir lernten zu schreiben
über alles auf der welt
über Fujiyama Long Island
Loch Ness

über nukleare prozesse
transzendentale felder
eutrophische eklektik
explosionen
über perzeption und rezeption
extrasensorik infrastruktur
gnoseologie agnostizismus

nun könnten sie uns noch lehren
nicht zu schreiben
wenn man nicht schreibt

wenn ein halbes königreich für ein gedicht
und ein halbes
für einen weissen papierbogen hergegeben wird

* * *

An die Ewigkeit zu denken, heisst
an ägyptischen Pyramiden, bronzene
Buddhastatuen, marmorne
Säulen mit dorischen Kapitellen, Dolmen, Grabhügel, Mayakalender,
zu denken, oder einfacher: An den Winter,
Bäume, eisbedeckt bis zu den Wipfeln, Skipisten, die Eile der Spatzen,
Funkeln
der Sonne auf der warmen Wolle eines Sweaters, doch
Schneegestöber mit ägyptischen Pyramiden zu vergleichen und Kiefern
mit den Säulen des Parthenon, bedeutet nicht zu verstehen,
dass Ewigkeit nicht das ist, was andauert, sondern das,
was sich wiederholt.

* * * * * *

JURKO POZAJAK

Kommen Sie morgen zu mir!
Ich erzähle Ihnen die Wahrheit!

Kommen Sie orgen zu mir
Ich erzähle Ihnen die ahrheit!

Koen Sie orgen u mi
Ich e zäle Ihen ie a heit!

Koe ie ore u mi
Ih e zäe Ihe ie a hei!

oe ie oe u i
Ie äe Ie ie a ei!

* * * * * *

Warnung

An alle, die ertrinken und nicht wissen,
was sie ergreifen,
die schon die letzten
Kräfte verlieren:
Ich warne Euch – ich bin kein Holzklotz,
Ich warne Euch – ich bin ein Krokodil.

***

Wenn ein Vogel in Gefangenschaft gehalten wird,
wenn dem Vogel die Flügel abgeschnitten werden
und wenn ihm die Beine abgetrennt werden
und dazu noch die Federn ausgerupft
und Äpfel in ihn hinein gestopft werden,
und das alles im Ofen gebacken wird –
dann wird das zu einer geröstete Enten,
ein Schmuck für den Festtagstisch.

* * * * * *

AN’KA SEREDA

Ich will kein Poet sein
Ich will kein Künstler sein
Und kein Modell
Lieber werde ich Sauerkraut
Wie viele Probleme
Verschwänden
Automatisch
Besonders dieses-
zusammenpassen oder nicht
Oder dieses-
Welche Strumpfhose anziehen
Oder dieses-
Wie viel Zucker zum Tee nehmen
Es wäre kein Leben, sondern einfach das Paradies
Du legst dich hin
Und willst sogar nicht einmal
zum Beispiel
duschen gehen…
Du legst dich still hin
mit kleinen Stückchen
von Knoblauch und Möhre
So eine Meditation…
STOP!
Doch wer ist die Möhre?
Wer ist die Möhre?!
Du vielleicht?

* * *

In unserem Blut
Wogt
der Ur-Ozean,
der sich erinnert
an Fluten
und Ebben
und um den Mond bittet.
Was zieht mich
auf Dächer
und in Keller?

* * * * * *

SERHIJ ŽADAN

Alles hat, wie immer, seine Rechtfertigung:
Alle bereisten Wege, sogar die überflüssigen,
Alle Morgen, an denen das Aufwachen schwerfällt
Auf leeren und schmutzigen Bahnhöfen,

Alle Schmetterlinge der Hoffnung, die hartnäckig
An die uralte Lampe des Mondes schlagen,
sogar wir, die es vermochten die Füße auf dem Weg
zur eigenen Rechtfertigung wund zu laufen.

Ins Deutsche übertragen von Jutta Lindekugel im April 2009

[2] bekannter ukrainischer Übersetzer

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