Gedichte aus den 20er Jahren des vorherigen Jahrhunderts

Anmerkung der Übersetzering:
Zur Erinnerung: In den 20ern der 20. Jahrhunderts war die Ukraine erstmals kurz ein unabhängiger Staat, und die literarischen Stilrichtungen und Schulen explodierten. Repräsentativ wären der Symbolist Oles’ sowie der Futurist Semenko, der Neoklassiker Klen usw.

HRYC’KO ČUPRYNKA

Klingeling
(Poetischer Scherz)

Ein klarer Geist wird hervorgerufen
Von einem Vers leicht wie eine Feder,
Einem Vers wie das Lächeln der Mutter,
Einem kleinen, kurzen Vers,
ohne Überlegung, ohne Gewicht,
ohne Liebe, ohne Flehen.
Und das Herzchen fühlt sich so leicht,
weil das Leid weithin verjagt wurde
von dem Klingeling.
Sie fließen, heulen
Und lachen
Klingeling.
Vielsingende,
Vielklingende,
Zuckersüßglimmende,
goldschimmernde,
kleine Lebenslügen.

* * * * * *

Hast du nicht gehört?

Hast du nicht gehört?.. Aber du solltest hören,
Wie die Leute im Schmerz singen,
Wie die Leute in Qualen singen,
Wie sich Seelen zum Himmel erheben,
gequält und  krank,
In langen, leidenden Tönen.

Du hast es nicht gewusst?.. Aber du solltest wissen,
Was sich hinter den Tränen verbirgt – ein Schrei der Verzweiflung,
Zorn und die Flammen einer Feuersbrunst!
die Himmel röten die Gewänder,
Überall von Rand zu Rand
Bewegen sich Mauern, verschwinden Grenzen.

* * * * * *

VOLODYMYR SVIDZINS’KYJ

* * *

Müde, an die Hügel gelehnt,
Schlief und schlief der Tag. Es schien als würden
Nie wieder blaue Himmel über die Felder
Ziehen. Faul, sorglos,
Legte auch ich mich hin und ergab mich der Macht des Schlafs.
Ich erwachte – mein glänzender Tag, wo bist du?
Ein dünner Nebel breitete sich von Osten aus,
Wie mit zwei Flügeln das ebene Feld umarmend.
Die Sonne ist begraben. Der Baum ist verstummt,
Und Kälte hat die Tulpenbecher
Geschlossen, die Bienen, die so summend
Den jungen Tag begrüßt hatten, erstarren.

* * *

Kalte Stille. Gebrochener Mond
Sei bei mir und segne meine Trauer.
Sie ließ sich nieder wie Schnee auf Zweigen,
Sie wird fallen wie Schnee von Zweigen.
Drei Freuden nimmt man mir nicht:
Einsamkeit, Arbeit, Schweigen. Tückische Sehnsüchte
Habe ich nicht mehr. Gebrochener Mond,
ich trage die Traube der Erneuerung in die Nacht.
Auf dem toten Feld stehe ich, um zu beten
Und um mich werden Sterne fallen.

* * * * * *

Das Pendel ist müde.
Tag, Nacht,
Sommer, Winter –
Wiege, wiege die kräftige Stille!
Das Pendel keucht wie verwundet.

Doch warum hörte ich sein Klappern nicht,
als mein Mädchen bei mir war?
Damals
legte sie sich hin
und ich kam, ihr ein Märchen vorzulesen.

Tag, Nacht,
Sommer, Winter,
Die Zeit steht nicht still.
Die gelesenen Bücher vergilben,
An den Ecken schwarzer Schimmel,
Eine Spinne versucht, diese alten Gegenstände in ihr Netz zu spinnen –
Es gelingt ihr nicht.

Tag, Nacht –
Jeder Moment wird gezählt.
Das Pendel krächzt.

* * * * * *

MYCHAJL‘ SEMENKO

Der Schaffner

Ich wünsche mir
Der Schaffner von einem Güterzug zu sein
In finsterer Nacht
Dunkler Nacht
Regnerischem Herbst
Auf den Bremsen sitzen
Im Pelz
Gebeugt und zusammengekauert
Den vorbeiziehenden Abgrund anschauen.
Von vergangenen Tage
Die als helle Flammen
im Herzen blieben
Von Bildern der Erinnerung
Die in der Brust für immer einschliefen
Für immer
Träumen
Träumen
Während ich in die Dämmerung schaue.

* * * * * *

Dorflandschaft

O
AO
AOO
AOOO
PAVLO
FÜTTERE
DIE KUUH

* * * * * *

Der Ozean

Ich weiß nicht – ob es
Etwas Geheimnisvolleres gibt
Als dieses klingende Wort –
Ozean.
Wie viele menschliche Helden
Wurden von deinen Weiten verschluckt,
Wie viele Hoffnungen gebrochen
Durch den Nebel.
Wie viele Völker haben mit deinen Wassern
mit dem Schaum unbeständiger Wellen
Gekämpft mit Stürmen und Unwettern,
Die mächtige Stille ist
Verflucht.
Wie viele Lippen wurden lautlos zusammengepresst?
Sowohl verflucht als auch gesegnet
Mit dem Wunsch unsicherer Wunden
Mit einem Flüstern:
Ozean.
Und als Verliebter lebe ich wie im Traum,
Ich strebe in Zeiten schärfster Dunkelheit
Zu dir, zum Horizont, komm, ich wärme dich
Und die Seele ist voller undeutlicher
Wunden.
Was hat mich heute getroffen
Hinter dem Polarkreis – eine Trommel?
Mein Herz verfinstert sich –
Ozean –
Ozean!

*****************

JURIJ KLEN

Volodymyr[1]

Ein von Byzanz abgeordneter Mönch
eröffnet ein Bild des Jüngsten Gerichts.
Und sieht den Höllenfürsten und die Paradieslilien,
die der erfinderische Künstler gemalt hat.

Höre! Es naht heran die furchtgebietende Frist.
Über das Feld fliegt der schwarze Schrei einer Fanfare hin.
Aus Gräbern werden Heldentaten und Verbrechen auferstehen
und der Weg zur Ewigkeit wird vor ihnen liegen.

Wie soll man den Salzsee aus jenen Tränen
durchschwimmen, die Rohnida vergoss,
und den roten Fluss aus brüderlichem Blut?

Doch langsam löst sich der Nebel auf
und schon strahlt im Rosa der Hoffnung
die unbekannte Weite der Jahrhunderte.

II

Goldener Schnurrbart und der Kopf silbern…
Wie sie ihn durch Schmutz und Staub gezogen haben!
Der Dnjepr schaukelte ihn in seinen Weiten,
seine Tage gleichen gemähtem Gras.

Und das Schicksal, nicht reich an Worten,
zählt jeden Atem, jede Bewegung.
Schon zeichnet es in den Sternen einen anderen Weg,
einen, der Keim- und Erntezeit bedeutet.

Nur im Traum scheint dem Fürsten,
dass die Stadt, während sie ihren Kreis langsam erweitert,
Löwenschreie in die Weite schickt.

Und er ist erschrocken, versteht nicht,
was jener Wirbelwind von Licht und Bewegung bedeutet
und das Gold der Kuppeln, das gegen die Sonne anschimmert…

III

Über weite Fluren herrschend,
stand er, in Bronze gegossen, auf dem Berg.
Unter ihm wogte ein Meer von Kastanien
und vom Dnjepr trug der Wind Gesang herbei.

Er begegnete nicht einem einzigen Sturm.
Die Jahre vergingen in Nebelfetzen.
Und nun donnert unter Flugzeuglärm
der unselige Brand roter Fahnen.

Im Frühling sieht der Fürst alljährlich,
wenn er hinter den fernen Horizont schaut: Es birst das Eis.
Und er erinnert sich wie nach schlechten Zeiten,

ohne Spuren zu hinterlassen, sowohl
die wilden Petschenegen als auch die grausamen Obren starben,
und ein Lächeln umspielt den ernsten Blick.
Übertragen ins Deutsche von Jutta Lindekugel im April 2009

[1] Begründer des Christentums in der Ukraine/Fürst der Kiewer Rus’, hier ist gleichzeitig seine Statue gemeint, die in Kiew auf einem Hügel über dem Dnjepr steht.

 

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