„Dann besorg‘ ich mir ein Gewehr“

    von Constanze Geertz

    „Dann besorg‘ ich mir ein Gewehr!“
    Seit Hegedorn diesen Satz gesagt hatte, nahm er wieder den direkten Weg. Er ging die Marktstraße hinunter, ohne Angst, eine lächerliche Figur zu machen. Das Kopfsteinpflaster schreckte ihn nicht, im Gegenteil, er sah es als Herausforderung. Was sagte schon eine Jahreszahl – Mumm in den Knochen, darauf kam es an. Aufmerksamer war er geworden, wachsamer. Jeden geschlossenen Fensterladen registrierte er, jeden zugezogenen Vorhang, jedes Herumlungern. Die Schmerzen blieben erträglich.
    Nach kaum zehn Minuten war er unten an der Kreuzung.

    Erst jetzt fiel ihm ein, dass er mit diesem Weg Zeit gespart hatte, die er nicht brauchte. Es war Sonntag. Seine Frau war im Gemeindehaus, Kochen für die Einsamen, wie immer. Frühestens um zwei würde sie nach Hause kommen, vollbeladen mit Resten. Auf das Essen freute er sich, denn sonntags wusste man nie, was es gab. Seine Frau würde alles schön anrichten, den unvermeidlichen Witz über die vermeintliche Doppeldeutigkeit machen: „… für die Einsamen, aber mach dir keine Sorgen, ich bin nicht einsam, ich bin absolut glücklich“, und dann würde man endlich essen können.
    Er nahm den Umweg über den Wall. Der Aufstieg war beschwerlich, aber machbar. Um sich von den Knieschmerzen abzulenken, dachte er an das Interview. In ein paar Stunden würden sie seinen Satz senden. Wenn sie den Mut dazu hätten. Aber eigentlich kam es darauf gar nicht mehr an. Das Entscheidende war, dass er ihn gesagt hatte, am Samstag vor einer Woche.
    Hegedorn sah das Gesicht des Reporters vor sich: jung, aufgeräumt, jederzeit zum Lächeln bereit.
    „Wenn das zweite Flüchtlingsheim trotzdem eröffnet wird, in Ihrer eigenen Straße – was dann?“
    In der Frage hatte noch Munterkeit gelegen, Lust an der Zuspitzung, die Aufforderung, nur frei von der Leber weg zu reden. Genau das hatte er getan. Eine kurze, knackige Antwort hatte er gesucht, eine, die keinen Raum lässt für Zweifel. Natürlich hatte er nie daran gedacht, tatsächlich ein Gewehr anzuschaffen. Der Satz war ihm einfach so eingefallen, und im selben Moment hatte er gewusst, dass er passte.
    Kaum hatte er die Kuppe erreicht, gingen ganz in der Nähe Sirenen los. Feuerwehr. Schon sah er sie die Marktstraße hinunterjagen, es hörte gar nicht mehr auf, sieben waren es, acht, bogen in die Agnesstraße ein, Richtung Ortsausgang.

    Wie immer wusste Hegedorn, dass es bei ihm war. Er fand es selbst lächerlich, konnte aber nichts dagegen tun. Er hastete hinüber zum Aussichtspunkt.
    Der Friedberger Hof also. Weit weg von seinem eigenen Haus. Und wenn der Wind drehte? Auch dann war es unwahrscheinlich. Allerdings nicht ausgeschlossen. Unverzeihlich, dass er so getrödelt hatte.
    Er ging, so schnell er konnte. Tief atmen, nicht hecheln. Leicht in die Knie, abrollen, über den Schmerzpunkt hinaus. Nicht an das Feuer denken. Lieber an den Radioabend, schließlich war Sonntag. Der Moment, in dem seine Frau seine Stimme erkennen würde. Wie sie ihn anschauen würde, überrascht, vielleicht bewundernd. Nur hoffte er, dass sie keine Fragen stellte, nicht etwa fragen würde, ob er tatsächlich bereit wäre zu schießen, im Ernstfall.
    Als Hegedorn auf sein Haus zuging, klebte ihm das Hemd auf der Brust. Kein Feuer, natürlich nicht. Ein Hauch von Brandgeruch, irgendwo aus der Ferne, sonst nichts. Das Fahrrad seiner Frau stand vor der Gartentür, ungesichert, auf dem Gepäckträger ein gut gefüllter Weidenkorb. Leichtsinnig war das, geradezu unverantwortlich. Man musste diese Leute ja nicht noch anlocken. Er wartete ein paar Minuten vor dem Haus, um zu sehen, wie lange sie wegbleiben würde. Dann wurde es ihm zu bunt.

    Schon im Flur merkte er, dass etwas nicht stimmte. Die Tür zum Wohnzimmer offen (man konnte durchs ganze Haus sehen), der teure Mantel auf dem Boden.
    „Ute?“
    „Leise! Da ist wer!“
    Sie stand an der Terrassentür und deutete, ohne sich umzudrehen, auf eine Ecke hinten im Garten.
    „Seit ich zurück bin, hockt der da.“
    Hegedorn folgte ihrem ausgestreckten Arm, konnte aber nichts erkennen. Um sich keine Blöße zu geben, fragte er: „Bewaffnet?“
    „Kann ich das wissen?“
    „Hast du die Polizei gerufen?“
    „Natürlich.“

    Er holte ein Messer aus der Küche. Seine Frau hatte sich nicht vom Fleck gerührt. Zögernd ging er in die Richtung, in die sie gezeigt hatte.
    Als er in der Mitte des Gartens angekommen war, sah er noch immer nichts. Er drehte sich um. Offensichtlich hatte seine Frau ihn durchschaut, denn hinter der Terrassentür wechselten sich jetzt zeigende Gesten mit scheuchenden ab. Einen Moment lang wollte er umkehren. Er legte sich ein paar Sätze bereit, die ihm den Rückweg ebnen könnten. Sie überzeugten ihn selbst nicht.
    Man konnte nicht „Dann besorg ich mir ein Gewehr!“ in ein Mikrophon sagen und eine Woche später im eigenen Garten auf halber Strecke kehrtmachen.
    Er nickte seiner Frau zu. Dann, schon im Umdrehen, so als wäre es einfach eine Frage der Willenskraft gewesen, sah er ihn. Hegedorn erkannte, dass die fahlen Schlieren am Schuppen, zwischen den kaputten Brettern und der Wellplastikwand, die er im letzten Herbst notdürftig davor genagelt hatte, zwei Arme waren. Arme, die zu einem Mann gehörten, der dort kauerte.

    Aber das Bild hatte noch keinen Sinn. Weder war zwischen der Schuppenwand und dem Plastik genug Platz für einen Menschen noch gab es irgendeinen vernünftigen Grund, dort zu hocken.
    „Aufstehen“, rief Hegedorn also, „na los doch!“
    Gleichzeitig hoffte er, dass der Kauernde, wenn überhaupt, nur sehr vorsichtig aufstand. Denn das Plastik war an vielen Stellen geborsten, die Bretter ohnehin, wer sich dort schnitt, würde sich sonst was holen und am Ende müsste er, Hegedorn, noch dafür haften. Der Mann rührte sich nicht.
    „Hab ich alles schon versucht. Da hört der nicht drauf.“

    Die Stimme kam aus dem Nachbargarten. Sie war unangemessen ruhig, geradezu lässig. Als er an den Zaun trat, sah Hegedorn den Grund: sein Nachbar, Blanski, schlenderte heran, in der Hand eine doppelläufige Schrotflinte.
    „Solltest mal wieder die Hecke wachsen lassen“, sagte Blanski, während er anlegte, „und ’n paar Berberitzen rein.“

    Hegedorn stellte sich in die Schusslinie.
    „Weg da“, befahl Blanski, „sonst kriegst am Ende selbst was ab.“
    Hegedorn blieb stehen.
    „Wie?“
    Sein Nachbar musterte ihn, als sähe er ihn zum ersten Mal.
    „Machste jetzt ’n Heim auf, oder was?“
    Blanski reckte die Arme zum Himmel.
    „Alle herkommen“, rief er, „Hegedorn macht’n Heim auf! Vollpension, Rundum-Sorglos-Paket!“
    In diesem Moment löste sich ein Schuss. In Blanskis Garten splitterten ein paar Zweige und rauschten zu Boden. Bei den Hegedorns schnellte ein Arm durch das Plastik. Es blieb vollkommen still. Der Fremde sah zuerst auf seinen zerkratzten Arm, dann hinüber zu Hegedorn, der versuchte, nicht genau hinzusehen, nicht eher als bis das Bild wieder umgesprungen wäre, zurück zu den Schlieren, zu dem Zeitpunkt, an dem er nichts erkannt hatte und schon beinahe hatte umdrehen wollen.

    Aber es änderte sich nichts, da hockte noch immer ein Mensch. Je länger dieser Mensch ihn ansah, desto wütender wurde Hegedorn. Auf ihn, auf Blanski, auf sich selbst. Einfach, weil niemand die Szene zu Ende brachte.
    Er wusste, dass man sich ein völlig falsches Bild machen würde. Es war ihm unerklärlich, wie er in diese Situation hineingeraten war und ebenso, wie er wieder herauskommen sollte. Das Messer musste weg, natürlich. Aber seine Hand gehorchte nicht, seine Finger klammerten sich nur immer fester um den Griff.
    Sirenen setzten ein und mit ihnen das Schreien des Mannes. Schrille, aus dem Innersten herausberstende Angstlaute, von denen Hegedorn sofort wusste, dass er sie nicht mehr vergessen würde. Durch die Terrassentür sah er, wie vorne die Haustür geöffnet wurde. Er hörte die Stimme seiner Frau, die mit derselben, etwas künstlichen Heiterkeit, mit der sie sonst Gäste empfing, zwei Polizisten hereinbat. Die Stimmen kamen näher, die seiner Frau drohte zu kippen.
    „Polizei! Waffen auf den Boden!“
    Hegedorn, überrascht von dem barschen Ton, schaute zu Blanski. Auch bei dem stand jetzt ein Polizist im Garten. Blanski legte seine Flinte mit einem Schlenkern ins Gras. Hegedorn überlegte, ob es nicht höflicher wäre, das Messer gleich einem der Polizisten zu geben, entschied sich aber dann doch, es fallen zu lassen.
    Über den Mann beugten sich jetzt, Hegedorn wusste nicht, woher sie gekommen waren, zwei Sanitäter. In hilflosem Schulenglisch versuchten sie zu erklären, dass die Sirenen hier eine ganz andere Bedeutung hätten, „no danger“, nur ein Brand, zündelnde Kinder vielleicht, nichts Ernstes, „safe, you are safe, no war in Germany!“

    Als der Polizist ihn aufforderte, mit auf die Wache zu kommen, bat Hegedorn darum, sich nur noch eben kurz die Hände waschen zu dürfen. Auf dem Weg ins Bad nahm er das Radio von der Anrichte und schob es unters Sofa.

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