An diesem einen Sonntag

    von Natasha N. Hoefer

    Immer wieder sonntags gab es in unserer Familie ein Ritual: Meine kleine Schwester und ich, wir mussten uns in Sonntagskleidung zwängen; dann kriegte ich einen derart akkuraten Seitenscheitel verpasst, dass ich den schmerzlichen Eindruck hatte, der Kamm würde wie ein Messer meine Kopfhaut zerschneiden. Ein schwacher Trost war das Leiden Susis; aber kaum, dass auch die mit festen Zöpfen bereitstand, saßen wir auch schon im Auto.
    Und zwar reglos, was wir beide (wie immer) nicht schafften. Irgendwann fing immer einer an, den anderen zu kneifen oder zu puffen (meine Eltern behaupteten, immer ich). Aber auch heute gikste Susi mich als erste mit spitzem Finger – ich sie zurück; sie schrie und quengelte (wie immer), und (wie immer) kam von vorne die Ansage meiner Mutter: „Ich glaube, Dieter, du musst mal ein Machtwort mit dem Jungen reden.“
    Und ich kapierte …

    Auch an diesem Sonntag war es allerdings so, dass ich das Auto-Problem hatte. Wenn ich mit Susi ein bisschen rumrangelte, wollte ich mich nur davon ablenken: Mir wurde im Auto schlecht. Regelmäßig.
    Wenn die Ansage von vorne gekommen war und ich wie eine Salzsäule stillsitzen musste, merkte ich es sofort: Da war das Mittagessen, noch kaum verdaut, das rumorte von unten so herum, um hochzukommen. Und ich kämpfte es herunter. So lange, wie es ging. Manchmal ging es; oft auch nicht. Und dann, das übliche Trara. Anhalten, „auskotzen“ (wie mein Vater es nannte). Mund spülen aus der mitgebrachten Wasserflasche. Umziehen mit Ersatzpullover. Oder nachher durchnässt dasitzen, wenn alles mit rausgewaschen war und ich keine Ersatzkleidung mithatte. Und eines war sowieso das Schlimmste: wenn der Autositz was abgekriegt hatte …

    Aber an diesem einen Sonntag ging alles gut; nur dass mir speiübel war, als ich endlich aus dem Auto steigen konnte. Diesmal vor dem Haus der Großtanten Bertha und Martha. Immer wieder sonntags, da war bei uns nämlich „Familie“ angesagt; und leider gab es davon jede Menge und eigentlich viel zu viel. Denn immer, wenn wir irgendwo ankamen, empfing uns ein Spruch wie: „ENDLICH sehen wir euch auch mal! Nach SO langer Zeit …“
    An diesem einen Sonntag standen die Großtanten schon vor dem Haus, und Großtante Bertha rief uns entgegen: „ENDLICH sehen wir euch auch mal!“
    Und Martha: „Nach SO langer Zeit!“
    Dann kam das Begrüßungsritual. Das heißt, dass erst die eine, dann die andere Großtante sich vor mir aufbaute. Sie waren klein, sehr klein, die eine dick, die andere dünn, und immer in Schwarz gekleidet. Sie rochen seltsam, unangenehm, ich nahm es deutlich wahr, wenn sie so nahe vor mir standen. Und dann streichelten sie mir über den Kopf. Es war so ein Druck-Streicheln, mehr ein Runterdrücken, einmal mit harter Hand vom hinteren Haarwirbel bis zur Stirn, es tat etwas weh. Und wenn das überstanden war, ging es rein, in das dunkle kleine Haus, das nach den Großtanten roch. Drinnen war nie das Licht an; die Tanten hielten Licht anmachen bei Tag für Verschwendung. So stand sie eben im Dämmerlicht da, mitten auf dem Kaffeetisch, die Immer-wieder-sonntags-Tortur: die Buttercremetorte …
    Sie mochten sparsam mit dem Licht sein, die Buttercremetorte war reine Freigebigkeit. In meiner ganzen Familie war es so, immer wieder sonntags: Mit der Torte wollte man zeigen, was man hatte, was man sich leisten konnte. Buttercreme aus echter Butter. Also fast nur Buttercreme auf kaum Biskuitteig. Die Buttercreme war sehr süß, fest, zäh. Widerständig lag sie einem im Mund, klebte zwischen den Zähnen, wollte sich nicht schlucken lassen. Wie flüssiger Beton drückte sie sich vor in die Speiseröhre, durch die Därme, um im Magen fest zu werden.
    „Schmeckt‘s?“, fragte Großtante Bertha, als ich mich dazu durchgerungen hatte, noch satt vom Mittagessen und unwohl vom Auto-Problem einen Bissen in den Mund zu schieben. Pflichtschuldig. Und pflichtschuldig nickte ich der Großtante zu.

    „Antworte deiner Großtante richtig“, kam von meiner Mutter.
    „Ja, schmeckt“, brachte ich hervor.
    „Du sollst nicht mit vollem Mund reden“, tadelte meine Mutter.
    Aber ich konnte das Zeug nicht schlucken!
    Susi grinste mich verstohlen an. Sie hatte ein kleineres Stück bekommen; sie war ein Mädchen. Ich kickte unter dem Tisch nach ihr, traf nur ein Tischbein. Sie ließ die Gabel fallen und heulte los: „Klaus hat mich getreten!“
    Ehe ich Zeit hatte zu protestieren, hatte mir mein Vater eine gelangt. Über den Tisch hinweg; der Tisch wackelte, Kaffee schwamm auf den Untertassen. Meine Wange brannte. Die Erwachsenen begannen ein Gespräch über meine letzten „Missetaten“; Susi sah mich triumphierend an. Ich starrte auf den Teller.
    „Iss deine Torte“, sagte meine Mutter.
    Ich sah auf.
    „Ich kann nicht mehr.“
    „Du musst doch groß und stark werden“, erwiderte Großtante Martha (das dünne der beiden Weiblein).
    Meine Gabel stach in die zähe Masse.
    Das Thema hatte gewechselt, es ging nicht mehr um mich; ich bekam aber nicht viel davon mit, konzentrierte mich auf das Vernichten der Buttercreme und darauf, dass sie nicht wieder hochkam. Endlich war es vollbracht. Mein Teller war leer.
    „Willst du noch ein Stück?“
    Das war Großtante Bertha gewesen. Da war das zweite Stück schon auf meinem Teller.
    „Du musst doch groß und stark werden“, sagte Großtante Martha.
    „Iss deine Torte“, mahnte meine Mutter.
    Susi grinste.
    „Nein“, brachte ich hervor.
    Meine Mutter sah meinen Vater an.
    „Ich glaube, du musst mal ein Machtwort mit ihm reden.“
    Nein, nicht hier, schoss es mir durch den Kopf. Das Machtwort, das war ein Bügel oder Gürtel, aber es wurde in meinem Zimmer gesprochen. Nur da. Immer da.

    „Iss deine Torte“, sagte mein Vater eindringlich. Und ich war mir plötzlich nicht mehr sicher, ob das Machtwort nicht auch anderswo zuschlagen konnte.
    Ich aß. Ich versuchte es. Schluckte. Einmal zu viel. Die Buttercreme, die auf dem Weg nach unten gewesen war, alle Buttercreme schoss auf einmal wieder hoch und landete wieder auf meinem Teller, auf mir, auf dem Kaffeetisch.
    Alle saßen schreckstarr da. In dem Moment, in dem Susi „Ihh“ rief, war ich aufgesprungen und aus dem Haus.

    Ich fand mich mit stechender Seite im Wald wieder. Ich sah zurück, Richtung Dorf. Nie wieder! Nie wieder dorthin, und auch nach Hause nicht!
    Als erstes musste ich einen Flitzebogen bauen. Das war kein Problem, ich war ja ein Indianer. Ich schlich leise und vorsichtig durch das Gehölz. Es war schön, Sonnensprenkel lagen auf dem Waldboden. Ich fand eine Rute, die sich biegen ließ. Man musste nur ein paar kleine Zweige wegschneiden, aber dafür hatte ich das Taschenmesser (hatte ich immer dabei, als echter Indianer).
    Als Sehne war mein Schürsenkel zu kurz. Also schnitt ich ein Bündchen meines Kratzpullovers auf und ribbelte einen schönen langen Wollfaden heraus. (Ich wusste genau, wie man das machte, weil meine Mutter jeden zu klein gewordenen Pullover aufribbelte, um aus der Wolle einen neuen zu stricken). Ich machte oben und unten Kerben in meine Rute und verknotete darum die Enden meiner Sehne. Ich hatte einen Bogen! Ich brach in ein echtes Indianergeheul aus!
    Um Holz zum Pfeile bauen zu suchen, schlich ich weiter in den Wald vor. Als ich genug gefunden hatte, begann ich, auf einer Wurzel sitzend, Spitzen zu schnitzen. Da geschah es. Ein ganz leises Knacken – aber ein echter Indianer hört so etwas! Und da stand es vor mir, nur wenige Schritte von mir entfernt – das Reh! Es hatte große Ohren und dunkle Augen, mit denen es mich direkt ansah. Ich sagte nichts, mein Herz klopfte wie wild. Und ich wusste, in diesem Moment wusste ich, ich würde niemals ein Reh erschießen! Lieber Fische und Vögel.
    „Hallo, Reh“, flüsterte ich.
    Das Reh witterte noch einmal, dann sprang es fort. Aber nicht ängstlich, nur so. Es hatte verstanden, dass ich sein Freund war. Ich war ein Indianer, der mit Tieren sprach! Ich lehnte mich an den Baumstamm zurück, schloss die Augen.

    Etwas Feuchtes streifte meine Wange (vielleicht roch die noch nach Buttercreme). Der Hund sah mich groß an – und ich ihn –, und der Förster fragte: „Wer bist denn du?“
    Weil ich dem Förster erzählt hatte, dass ich aus dem nächsten Dorf sei (NICHT aus dem Großtantendorf), brachte er mich zu der genannten Adresse: der meines Freundes Felix. Bei Felix rannte ich gleich auf sein Zimmer; ich wollte nicht mitkriegen, wie Felix‘ Eltern dem Förster verraten würden, dass ich gar nicht bei ihnen zu Hause war.
    Kein Erwachsener kam; ich konnte Felix in Ruhe erzählen, wie ich, der Indianer, im Wald überlebt und mit dem Reh gesprochen hatte. Dann wurden wir von Felix‘ Mutter zum Abendbrot gerufen.
    Bei Felix durfte bei Tisch gesprochen und gelacht werden. Ein echter Indianer wittert aber die Gefahr, und ich hatte als erster den VW-Käfer gehört, seinen Motor. Der verstummte, als meine Eltern vor Felix‘ Haus anhielten.
    Sie kamen herein. Taten ganz freundlich, als wäre nichts gewesen. Ich dachte nur, warte, das Machtwort haben sie sich fürs Auto aufgespart. – Nein. Ich durfte sogar vorne sitzen, auf dem Beifahrersitz, wegen des Auto-Problems. Aber zu Hause dann, wusste ich …
    Es kam nicht.

    Was meine Familie übrigens richtig gut konnte, war schweigen. Es gibt keine Probleme, wenn man sie nicht anspricht. Niemand hat mich jemals gefragt, wohin ich gerannt bin, was ich gemacht habe, an diesem einen Sonntagnachmittag. Niemand hat jemals wieder eine einzige Anspielung auf diesen Sonntag gemacht.
    Aber es hatte ihn wirklich gegeben, zwei Beweise hatte ich dafür: Erstens wurde ich nie wieder, von niemandem, dazu gezwungen, ein zweites Stück Buttercremetorte zu essen (das erste blieb die Tortur meiner Sonntage); und zweitens hatte ich meinen Flitzebogen unter dem Bett versteckt, griffbereit, und mit der Zeit eine größer werdende Sammlung Pfeile. Denn nun wusste ich, dass ich jeder Zeit in den Wald auswandern konnte, zu meinem Freund, dem Reh (das ich nie essen würde, sondern lieber Fische und Vögel).

    Und irgendwie half mir dieses Wissen, dieses echte Indianerwissen, dabei, alle Buttercreme und alle Machtworte meiner Kindheit zu überstehen.

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