Vierfach verdichtet

    Heute haben wir uns einen größeren Strauß an Lyrikbänden vorgenommen. Die Urlaubszeit und der Besuch auf der Mainzer Minipresse haben das Ihre getan. Es war Zeit, und es war Buch. Oder vielmehr die Mehrzahl davon.

    Die deutsche Lyrik ist tot, sagen viele. Spötter formulieren das so: Auf den Wühltischen der Buchhandlungen findet man nur noch die Spiegelbestsellerliste und in der Lyrikecke, falls es überhaupt eine gibt, die Klassiker im einhundertelften Aufguss. Das war auf der Minipresse ein wenig anders. Aber nicht wirklich viel.

    Lyrik ist eine Sparte, mit der sich offensichtlich selten etwas verdienen lässt. Auch die Kleinverlage, die mehr wagen, haben zum Teil die Lyrik aufgeben und machen heute in Regionalkrimi. Welch ein Aufstieg. Für den Regionalkrimi. Inzwischen ist das eine richtige Industrie geworden. Oder Fantasy. Auch das ein Riesentrend. Also, Literaten aller Länder, ihr wisst, was ihr zu schreiben habt, damit ihr Geld verdient: regionale Krimifantasy.

    Doch nun zu unseren Dichtern und Reimern. Vier Bände, wie sie unterschiedlicher nicht sein können, werden im Folgenden nach allen Regeln der Kunst besprochen, nicht verrissen. Denn letzteres machen wir hier nicht, können wir doch nur ein einigermaßen ganzes Buch seiner Zweitverwendung zuführen: dem Verkauf bei Amazon.

    Neue deutsche Dichtung

    Marius Hulpe (Hrsg.), Privataufnahme – Junge deutschsprachige Lyrik, dahlemer verlagsanstalt, Berlin, 2009, ISBN 978-3-928832-33-5, 116 S., Paperback, € 12,00

    Marius Hulpe ist es für die Dahlemer Verlagsanstalt gelungen, in einer Lyrikanthologie faktisch das gesamte Whoiswho der aktuellen deutschsprachigen Lyriker zu versammeln. Wobei darunter die zu subsummieren sind, die bereits einen gewissen Bekanntheitsgrad und renommierte Verlage als Qualitätsausweis haben. Verleger Michael Fischer hat, wenn man sein Verlagsprogramm im Internet ein wenig durchforstet, öfters ein solches Händchen. Mag das Verlagsprogramm des Einmannwirbelwinds auch nicht groß sein, aber es hat die eine oder andere Rosine, nein, sagen wir, den einen oder anderen Edelstein, aufzuweisen. Woraus man schließen kann, dass ein guter Verleger nicht in die Masse gehen muss, um einmal etwas Überdurchschnittliches hinzubekommen.

    Dieser Band ist ein solcher Edelstein. Lyriker und Lyrikerinnen wie Jan Wagner, Ulrike Sandig, Daniel Ketteler und Anke Bastrop, um nur einige der einundzwanzig gefeatureten zu nennen, ist selbst ein Kunstwerk. Alle haben sie private Lebensbetrachtungen zu den Anschnitten „ich erinnere mich an wejherowo“, „privataufnahme“, „kann sei, dass wir bleiben, wo wir sind“ und „von nichts gewusst zu haben ehrensache“ beigetragen. Abgeschmeckt wird das Ganze durch eine Hinführung des Herausgebers sowie eine recht ausführliche Biblio- und Biographie der Autor/inn/en.

    Wer sich einliest, wird erfahren, dass die Qualität deutscher Lyrik durchaus beachtlich sein kann, so unterschiedlich die Stile auch immer sein mögen. Bei allen Lyriker/inn/en ist ein ausgeprägter sprachlicher und formaler Gestaltungswille erkennbar. Man kann die Texte durchaus den jeweiligen Dichtern zuordnen, ohne dass jedes Mal der Autor hätte genannt werden müssen. Daraus erlaubt sich der Rezensent den Schluss, dass hier ausgearbeitete Poetologien aufeinander treffen, die sich unterscheiden und dies auch bewusst in jeder Hinsicht wollen.

    Nun muss dem Leser, wie das auch dem Kritiker widerfuhr, nicht jeder Stil und jeder Inhalt zusagen. Das ist aber auch nicht das Ziel eines solchen Bands. Vielmehr soll ein Panoptikum, ein Überblick, möglicher deutschsprachiger Lyrik aufgezeigt und vorgestellt werden. Das ist in jeder Hinsicht gelungen und daher aller Ehren sowie schließlich allen Lesens wert.

    Tageszeitungen, wieder dazu herablassen könnten, für die neue deutschsprachige Lyrik einen Veröffentlichungs- und Resonanzraum zu schaffen. Denn, auch wenn man es kaum glaubt, wenn man die Zeitungen liest und durch den Präsenzbuchhandel streift: Die deutsche Lyrik hat nach Goethe, Schiller, Rilke und den völlig überschätzen Hesse nicht ihr Ende gefunden.

    Dann wären auch die Auflagen solcher Bände höher, und mehr Menschen wüssten, wie deutsche Lyrik von heute sich anfühlt.

    Netfinder: www.da-ve.de

    Viel gewollt

    Walter Windisch-Laube, Fenster und Tüten – Gedichte und Prosa, Elf Uhr Verlag, Lauterbach, 2009, ISBN 978-3-936628-15-9, 105 S., Paperback, 11,00 €

    Es gibt Gedichtbände, bei denen man sich fragt, warum sie erscheinen. Bei anderen wiederum fragt man, warum sie keiner kennt. Und bei dritten ist man traurig, dass Letzteres zutrifft.

    Wenig Worte um viel zu machen, ist ein durchaus schwieriges Geschäft. Viele glauben, dass sie das können, vor allem dann, wenn sie auf anderen Gebieten schon einmal viel Worte um wenig gemacht haben, und das nachweislich mit großem und bewunderungswürdigem Erfolg. Es ist immer wieder erstaunlich, wer alles meint, dichten zu sollen und auch zu können. Ersteres ist ehrbar und nicht verdammungswürdig, zweiteres häufig aber ein Kennzeichen einer gewissen Selbstüberschätzung. Bei diesem Autor kommt erschwerend hinzu, dass er Musik- und Literaturwissenschaften studiert und darin auch noch promoviert hat. Das allein macht schon oft äußerst mutig, was die Beherrschung der Verdichtung der Sprache anbetrifft.

    Es gehört zur schmerzlichen Erkenntnis, dass der, der kenntnisreich über etwas schreibt, das noch lange nicht selbst souverän beherrscht. Vielmehr kennt man aus der Kunst das sog. „Kritikerphänomen“, das den Umstand beschreibt, dass ein begabter und anerkannter Kritiker als Autor sehr häufig fulminant scheitert.

    Schon der Titel dieses Bands beschreibt sein Problem: Es ist das der unglaublich angestrengten Bemühtheit, einer eher wenig einfallsreichen Sprache etwas Poetisches, Lyrisches, Originelles abzugewinnen. Ein treffendes Beispiel ist folgender Text von S. 23:

    „FRAGE

    Rotkäppchen
    gab dem
    wolf
    einen korb

    oder Nicht“

    Was will dem Leser dieser Text sagen? Soll er darüber lachen? Weinen? Nachdenken? Sich darüber wundern, warum das „Nicht“ großgeschrieben wird?

    Oder auch, von S. 17:

    „SCHREIBEND

    ich liebe dich
    liebesgedicht
    ob ich Die liebe
    der du giltst
    weiß ich
    noch nicht“

    Und hier, ja, was soll das bedeuten? Warum wird jetzt das „Die“ groß und das „nicht“ kleingeschrieben?

    So zieht sich das leider fast durch das gesamte Buch. Es geht allerdings bei den Textbeiträgen auch länger, wobei das kein Problem ist, wenn man bereits nach einem Wort einen Umbruch einfügt.

    Es gibt sicherlich den einen oder anderen interessanten Gedanken, den man mit nach Hause nehmen kann, wenn man diesen Band nach großen Mühen zu Ende gelesen hat. Viel bleibt aber nicht, außer dass man den Verdacht nicht loswird, dass hier jemand „verdichtet“ mit „dünn“ und „Ironie“ mit „Flachwitz“ verwechselt hat.

    Netfinder: http://www.elf-uhr.de/

    Ein Leben übersprungen

    Peter Horst Neumann, Der Heckenspringer – Ausgewählte Gedichte, Lyrik-Taschenbuch 66, B. Albers (Hrsg.), Rimbaud, Aachen 2009, ISBN 978-3-89086-524-9, 88 S., Paperback (hochwertig), € 19,00

    Manchmal macht man in Buchhandlungen wunderbare Entdeckungen. Ich fahre dazu gerne nach Bad Tölz, das sind immerhin, Google weiß bekanntlich alles (besser?), je nach Route ca. 270 km mit dem Auto, drei Stunden Fahrt also. Das macht man, um in eine inhabergeführte Buchhandlung zu kommen, die sich tatsächlich eine Lyrikecke leistet. Man sollte beten, dass die Inhaberin das noch lange macht. Es liegt der Verdacht nahe, dass, wenn sie das Geschäft weitergibt, dieser unnötige Luxus verschwindet.

    Der Band von Peter Horst Neumann sprang mir ins Auge. Das lag u.a. daran, dass der Verlag eine sehr zurückhaltende Gestaltung für seine Reihe gewählt hat. Unter dem vielen Bunt war das schon auffallend. Man kann wohl auch durch Zurückhaltung Aufmerksamkeit erregen.

    Der Autor, Jahrgang 1936, hat einige Preise erhalten und war in seiner aktiven Zeit Professor für Literaturgeschichte. Geboren in Oberschlesien lebt er heute in Nürnberg. Die Heimat seiner Jugend spielt in der Lyrik eine prägende Rolle.

    Sein Gedichte sind eher poetische Prosa und sehr leise. Hier wird nicht auf die Pauke gehauen. Nun ist ruhige Sprache sehr häufig um vieles wirksamer als die mit Aplomb vorgetragen, bei der der Inhalt oft unter den rhetorischen Mitteln verschwindet.

    Lesezeichen

    Wir sind Lettern,
    wem gilt unser Wesen.

    Mit dir und andern
    teilst du diesen Ort.

    Nie wird ein Buchstab
    einen andern lesen.

    Buchstäbin neben mir,
    wir sind im Wort.

    Dieses Gedicht auf S. 7 leitet den vorliegenden Band ein. Wenn man sich mit ihm eine Weile beschäftigt, kann man erkennen, mit wie wenig, lakonisch und genau, gesetzten Worten wie viel ausgesagt wird. Diese Lebensklugheit und stimmungssichere Formulierungsgabe, die ohne viel Aufhebens die wunden Punkte auffächert, finden wir auch in den anderen Gedichten. Voraussetzung ist aber, dass sich der Lesende die Zeit nimmt, das Gesagte und Geschriebene auszuleuchten.

    Spannend ist, den Gegensatz zum vorher besprochenen Gedichtband auf sich wirken zu lassen. Er macht besonders deutlich, was gute Lyrik von der weniger gelungenen unterscheidet. Sprache will nicht nur beherrscht sein, sie will durchdrungen, verstanden und geliebt sein. Der Werkstoff des Dichters kann zum Leuchten gebracht werden, wenn man es richtig angeht.

    Netfinder: http://www.rimbaud.de/

    Rettungsversuch für Erinnerungen an die Jugend

    Ingolf Brökel, im abraum, gedichte, mit Grafiken von Bernd Winkler, dahlemer verlagsanstalt, Berlin, 2012, ISBN 978-3-928832-40-3, 32 S., hochwertiger Druck geheftet, € 19,00

    Der Lyriker Ingolf Brökel hat diesen Band in Eigeninitiative zusammen mit dem Grafiker Bernd Winkel entwickelt. Glücklicherweise hat Michael Fischer, Verleger der Dahlemer Verlagsanstalt, sich auf dieses Abenteuer eingelassen.

    Der Ort Sauo wurde 1971 Opfer des Braunkohletagebaus in der damaligen DDR und liegt heute unter dem Lausitzring. Mehr zu seiner Geschichte, sicher nützlich für das Verständnis des kleinen, liebevoll gestalteten und auf sehr hochwertigem Papier gedruckten Bandes, kann der, der es gerne wissen möchte, beispielhaft im Netfinder zu dieser Besprechung finden.

    Ingolf Brökel wurde in Sauo geboren und hat dort auch seine Jugend verlebt. Erinnerungen sind etwas, das man gerne auffrischen können will. Wer von uns hat nicht schon einmal einen Abstecher an eine frühere Wirkungsstätte gemacht. Mit zunehmendem Lebensalter schleichen sich solche Gedanken ein, wenn man in der Nachbarschaft von Orten sich aufhält, an denen man Jahre seines Lebens verbracht hat. Ganz besonders intensiv erlebt man dieses Sehnen, in die damalige Zeit zurückzusinken, wenn dieser Lebensabschnitt ein prägender gewesen ist.

    Natürlich ist man immer enttäuscht, wenn man diese Orte dann tatsächlich aufsucht. Sie haben sich verändert. Die Erinnerung selbst ist auch nichts Festes, Unveränderliches. Aber dennoch ist es beruhigend, wenn es einen solchen Ort tatsächlich noch gibt. Ich kann mich sehr gut einen Spaziergang erinnern, als mein Vater mir das großelterliche Haus in Berlin-Zehlendorf gezeigt, in dem mein Bruder und ich die ersten Lebensjahre und Monate verbrachten, bevor meine Familie in den sogenannten „Westen“ übersiedelte, wie das damals viele Menschen taten. Es war diese Zeit in den fünfziger und sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts, als die Angst vor dem Übergriff der Sowjetunion auf den Westen Berlins greifbar und fast körperlich spürbar war.

    Mit dem Abbaggern Sauos im Jahr 1971 ist Ingolf Brökel diese erste Heimat unwiederbringlich verloren gegangen. Seine Gedichte erschaffen in ihrer Art sein Sauo, dessen er sich so versichert und es gleichzeitig in die Erinnerung zurückbringt.

    im abraum (I)

    eine schicht muttererde
    eine schicht vaterland
    eine schicht menschen

    Dieser kurze Text auf S. 5 leitet den Band ein. Er schafft bereits den Adressraum, den die nachfolgenden Gedichte ausleuchten. Die verdichtete Sprache bringt auf eigenartige Weise Licht in ein Dunkel, das die Konturen völlig unsichtbar gemacht hat. Wenn ein Ort physisch nicht mehr ist, gibt es zwei Möglichkeiten, ihn zu evozieren. Da ist zum einen die nüchterne, historische Dokumentation in Text, Karten und Bild, eventuell angereichert durch Ton und Film.

    Zum anderen aber ist da die menschliche Erinnerung. Beides ist nicht das Gleiche, aber durchaus als wichtige Ergänzung von einander zu begreifen. Es ist schön, dass Versuch gemacht wurde, sich poetisch an diesen einstigen Ort zu erinnern. Denn es sind nicht nur Fakten, die Geschichte, es ist besonders der Mensch, der erinnert, der Geschichte bewohnt und dessen persönlicher Bericht sie erfühlbar macht.

    Netfinder: www.da-ve.de
    Zur Geschichte von Sauo: http://de.wikipedia.org/wiki/Sauo

    Weltweitweb, im Dezember 2013

    Walther

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