Im Wald des Rattenkönigs

    Im Wald des Rattenkönigs

    von Adrian Schwarzenberger

    Ich will euch berichten, wie ich beinah dem Rattenkönig und seinen Verführungskünsten verfallen wäre. Jedem sei dies als Warnung gedient, sich niemals dem Rattenkönig hinzugeben, und wer es nicht glaubt, der mag mir den Eid abnehmen, dass jedes Wort wahr ist, wie ich es erzähle. Wie ich dem Rattenkönig begegnet bin, das begab sich so:

    Ich stand vor Jahren als Knecht in den Diensten eines reichen Bauern, der war ein kluger Mann, und alles, was er anpackte, das ging ihm wohl von der Hand. Er hatte ein großes Gut und weite Ländereien. Seine Familie zählte seine Frau und sieben stattliche Kinder und dazu noch drei Dutzend Knechte und Mägde, die auf den Feldern und im Haus ihre Arbeit verrichteten. Sein Leben war gesegnet, aber nur wenn man nicht hinter vorgehaltener Hand von ihm sprach. Kaum hatte er nämlich die Runde verlassen, da munkelten die Leute, es sei nicht mit rechten Dingen zugegangen, wie er zu seinem Vermögen kam. Ich hielt dies für neidisches Geschwätz und scherte mich nicht weiter darum, bis ich eines Nachts selber erleben musste, dass wohl mehr darin steckte, als gut gewesen wäre.
    Es war die Nacht zu Walpurgis, als ich weit nach Einbruch der Dunkelheit noch im Wald unterwegs war. Mein Wagen war vollgeladen, denn ich hatte in der Stadt allerlei Wein und Fleisch und feine Stoffe für meinen Herrn gekauft und hatte deswegen erst spät den Heimweg antreten können. Wie der Gaul so den Karren durch den Wald zog, hörte ich in der Ferne ein Klingen wie von Musik und Gesang. Zuerst nur neugierig wandte ich mich in die Richtung, doch je näher ich kam, desto grausiger klang es in meinen Ohren. Es waren keine schönen Stimmen, mit denen die Knaben in der Kirche jeden Sonntag den Herrn lobten. Nein, als ich näherkam, sah ich, dass es ein ganz und gar scheußliches Gefolge war, das da des Nachts durch den Wald zog: Ratten und Mäuse, Wiesel und Marder und allerlei anderes Getier huschte herum, die meisten so groß wie kleine Kinder. Etliche trugen brennende Fackeln und erhellten so den Weg durch die dunkle Nacht. Andere hatten Pauken und Fiedeln, Pfeifen und Posaunen in ihren Pfoten und entlockten den Instrumenten die grässlichsten Töne. Wieder andere kreischten und schrien, was sie wohl Gesang nennen mochten, der aber nur die Ohren beleidigte. So schritt die grausige Prozession voran, und ich hielt mich im Dickicht, um ja nicht entdeckt zu werden.

    Etwa in der Mitte des Zuges erblickte ich ihn dann selber – den Rattenkönig und seine Frau, die Rattenkönigin. In einer prächtigen Kutsche kamen sie gefahren, angetan mit den teuersten Kleidern, die selbst einen König neidisch machen mussten, eine goldene Krone auf dem Kopf und ein Zepter mit Edelsteinen in den Händen. Gezogen wurde die Kutsche von vier grauen Katzen, und auch hinter dem Rattenkönig und seiner Frau standen zwei Katzen wie als Pagen auf dem Absatz.
    Doch das war noch nicht das Schrecklichste, denn erst was ich hinter der Königskutsche erblickte, lähmte mich vollends: Menschen, die in langen Reihen hinter dem Rattenkönig her trabten, alles edle und reiche Herren in teuren Kleidern und mit hochmütigen Mienen. Zu meiner Verwunderung schleppte jeder einen schweren Sack auf dem Buckel oder zwei Kannen an langen Traghölzern, aber die Last schien sie nicht zu drücken. Im Gegenteil lag in ihren Augen ein erwartungsvolles Leuchten, als ginge es einem großen Ziel entgegen. Zu meinem weiteren Entsetzen kannte ich etliche der Männer. Der Bürgermeister wie der Richter waren genauso darunter wie der Dorfschulze und reiche Gutsherren. Ja, selbst mein eigener Herr lief dem Rattenkönig nach und wurde nicht müde, seinen schweren Sack zu schleppen.
    Mit Grausen schaute ich dem Treiben zu, sah, wie der Tross an mir vorüberzog, und konnte doch nichts anderes tun, als mich ihm anzuschließen. Denn die verführerischste Stimme hatte wohl der Rattenkönig selbst, als er sang:

    Ich bin der Rattenkönig,
    Und Gold hab ich nicht wenig.
    Wer hat noch nichts, wer will noch mehr,
    Schon lange kenn‘ ich dein Begehr.
    Komm her zu mir, komm her, mein Jung,
    Denn wenn ich dieses Liedlein sung,
    Bist du von aller Sorg‘ befreit
    Des Gestern, Morgen und auch Heut‘.
    Komm her zu mir, komm her, mein Sohn,
    Dass es sich für dein Leben lohn‘.

    Dies Liedlein war es, das mich so in seinen Bann zog. Schon waren die Ratten und all das andere Ungetier um mich herum und wollten gar auf meinen Wagen springen. Doch noch war nicht die rechte Zeit, und sie nahmen mich nur in ihre Mitte. Vor Angst wagte ich nicht zu sprechen oder gar zu fliehen, und so wurde ich einfach mitgezogen.

    Es musste die Mitte des Waldes gewesen sein, dort wo die Dunkelheit am tiefsten war, da hielt der Zug endlich an, und der Rattenkönig stieg von seiner Kutsche herab. Sofort eilten die Männer mit ihren schweren Säcken zu ihm, luden einen nach dem anderen ab und schnürten sie auf. Darinnen fanden sie Nüsse und Weizen, süße Backwaren und Spezereien; in den Krügen und Kannen und Töpfen lockten roter Wein und Milch und Honig. Sofort stürzten sich die Ratten und alles Ungetier auf die dargebotenen Leckereien, räumten die Säcke beiseite und schütteten sie in ihren finsteren Höhlen aus und schleckten die Milch aus den Töpfen. Wie zur Bezahlung brachten sie Gold und Silber und zählten jedem der edlen Herren in blanken Dukaten vor, was sie ihm schuldig geblieben waren.
    Mein Schrecken wuchs, als sich der Rattenkönig mir zuwandte und mit trippelnden Schritten näherkam. Mit seiner scheußlichen Rattenstimme sprach er zu mir: „Wie steht‘s mit dir, mein Junge? Willst du uns nicht auch etwas von deinen Waren abgeben? Du siehst, es wird dein Schaden nicht sein. Und dein Wagen ist vollgeladen. Je mehr du gibst, desto größer dein Lohn.“
    Noch immer konnte ich nicht fassen, was um mich herum geschah. Mit gierigen Händen rafften die Herren das Gold zusammen, und zwischen manchen gab es Streit, weil sich der eine übervorteilt, der andere ungerecht behandelt fühlte. Um jedes kleine Goldstück wurde gefeilscht, und bald schlugen sie sich wie die Ratten um den letzten Krümel Speck.
    Da erinnerte ich mich eines alten Kindermärchens, in dem es hieß, wer dem Rattenkönig dreimal seine Aufwartung machte, der werde selbst in seinem Reiche leben. Mit Entsetzen sah ich, wie sich der Fluch bewahrheitete, denn je länger die Herren stritten, desto mehr von ihnen verwandelten sich selbst in Ratten. Ihre Nasen wurden spitz, am ganzen Körper spross ihnen das Fell, die Finger krümmten sich zu gierigen Klauen, und hinten raus wuchsen ihnen lange, nackte Schwänze. Bald zerrissen sie ihre Kleider und warfen die Fetzen davon. Ihre Stimmen gerieten zu einem Kreischen und Pfeifen, wie es nur des Nachts in finsteren Gassen zu hören war, wenn die Ratten sich um die Reste eines Festmahls balgten. Aber das hier waren Menschen, Menschen wie mein Herr und ich selbst und zahllose andere, mit denen ich zuvor noch gute Bekanntschaft gepflegt hatte. Doch nun war der dritte Teil von ihnen nicht mehr von dem restlichen Ungetier zu trennen.
    Rasch hielt ich nach meinem Herrn Ausschau, während ich mich vom Rattenkönig selbst fernzuhalten suchte. Zu meinem Entsetzen erkannte ich ihn nur noch an den Resten seiner Kleider, die er sich gerade vom Leibe riss. Er war wohl, wie es das Märchen sagte, schon dreimal beim Rattenkönig gewesen und war von nun an verflucht, selbst auf kalten Straßen und in finsteren Gassen und in schmutziger Erde zu leben. Seine Gier nach dem Golde hatte ihn schwach werden und den Verführungskünsten des Rattenkönigs erliegen lassen.
    Das Grausen erfasste mich nun mit solcher Macht, dass ich mich endlich aus meiner Starre zu lösen vermochte. Noch immer hörte ich die einschmeichelnden Worte des Rattenkönigs, drohte selbst seinen Verlockungen zu erliegen, aber die Angst war stärker. Mit einem lauten Knallen gab ich dem Pferd die Zügel, und mein Fuhrwerk schoss davon. Ein zorniges Kreischen des Rattenkönigs verfolgte mich genau wie seine zahllosen Untertanen. Das Pferd galoppierte, von Todesangst getrieben, durch den Wald, versuchte aus dem Geschirre auszubrechen, und sein wehleidiges Wiehern mischte sich in das Pfeifkonzert der Ratten. Das Fuhrwerk schleuderte hin und her und drohte umzukippen, die Räder krachten gegen Wurzeln und Steine, und es war der Moment abzusehen, da sie brechen mussten. Hinter und neben mir flitzten die Ratten durch den Wald, kreischten voller Zorn und Gier nach meiner Ladung, sprangen am Wagen hoch, bissen und krallten sich in meinen Kleidern fest oder wurden vom Schlingern des Wagens wieder beiseite geschlagen. Die ersten hatten es schon geschafft, sich in den Säcken voller Speck und Käse zu verbeißen. Ich ließ die Peitsche gegen sie knallen, um sie zu vertreiben, aber da sprangen sie mich selber an. Meine Kleider hingen bald in Fetzen, und ihre Krallen brannte sich in meine Haut.

    Erst als ich den Rand des Waldes erreichte, ließen sie von mir ab. Mein Pferd brach tot zusammen, und sicher wäre mir dasselbe widerfahren, hätte ich auch nur einen Augenblick länger das Grausen ertragen müssen. Die Ratten rissen die letzten verbliebenen Säcke vom Fuhrwerk und schleppten sie in den Wald, doch ich schaute nicht zu ihnen zurück. Meine Füße trugen mich nur immer weiter, immer weiter weg vom Wald des Rattenkönigs, in dem sich Menschen selbst in Ratten verwandelten, wenn sie ihrer Gier erlagen. Ja, nie wieder kehrte ich in dieses Land zurück, und nie erfuhr ich, ob sich ein gnädiges Schicksal meines Herrn erbarmt und ihm seine menschliche Gestalt zurückgegeben hatte. Aber noch heute höre ich in meinen Träumen die Stimme des Rattenkönigs, wie er sein Liedlein singt und mich zu locken versucht, mich, der ich ihm einmal entkommen war:

    Ich bin der Rattenkönig,
    Und Gold hab ich nicht wenig.
    Wer hat noch nichts, wer will noch mehr?
    Schon lange kenn‘ ich dein Begehr.
    Komm her zu mir, komm her, mein Jung,
    Denn wenn ich dieses Liedlein sung,
    Bist du von aller Sorg‘ befreit
    Des Gestern, Morgen und auch Heut‘.
    Komm her zu mir, komm her, mein Sohn,
    Dass es sich für dein Leben lohn‘.

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