Die neue.n/s Land.schaf.f.t.en – zwei Mal deutsch-deutsch auf deutsch

    Nun sind wir schon eine gewisse Zeit vereint, wir Deutschen. Doch dass der Mauer manch einer nachweint, sei hier weder geleugnet oder in Abrede gestellt. Vielmehr seien Tatsachen festgestellt, das eine wie das andere ist eine Wahrheit, wenn eines eine bittere auch.

    Dennoch wollen wir von Glück reden, denn in der Aufhebung einer Teilung wächst zu: Vergessenes, Abgeschnittenes für die Frühgeborenen, Neues für die Nachgeborenen. Mit den neuen Landschaften kamen neue Dichter. Sprache, die sich neu formt, weil sie Bilder gewinnt, die vorher (noch) nicht waren: Verlustig gingen sie mit der Hitlerei. Verschwunden waren sie unter der Einkerkerung durch die besseren Bösen. Denn böse waren sie: Wer einsperrt, ist kein Guter. Wer Freiheit stiehlt, raubt den Atem.

     

    Lutz Seiler, pech & blende, Gedichte. Edition suhrkamp 2161, Frankfurt/Main 2000, ISBN 978-3-518-12161-0, ca. 90 S.

    Man spürt Landschaft und Geschichte, eigenes Erleben durch die Texte hindurch. Gefangen sein, und sei das in der Notwendigkeit, im Verborgenen zu blühen, sich zu verbergen vor Entdeckung, Inhalte zu verschatten, damit sie nicht der Falsche erkenne: Das prägt Sprache über den Zeitraum dieser Umstände hinaus. Auch haben Landschaften, Stadtbilder, Häuser, Menschen ungeahnte Prägewirkungen. Ein Leben stempelt ab. Es formt bis ins Tiefste. Verwerfungen lassen sich glätten, aber nicht ausbügeln. Druck kann standgehalten werden. Aber seine Verformungen bleiben im Material erhalten. Es erinnert sich. Und nichts als der Tod kann diese Erinnerung löschen.

    Das Gedicht „haldenglühn“ (S. 18f) ist ein solches Textbild, aus dem diese Prägungen hervorschauen: „… und abends / das sakko aus polyakry, im sperrsitz die steinzeit- / operetten, das viehzeug im schuppen, …“ Halden prägen die Landschaften, seien sie Braunkohle- oder Kaliabraum. Auch heute kann man sie sehen, wenn man durch Mitteldeutschland fährt. Ganz besonders greift dies Gedicht „berliner zimmer“ (S. 34) auf, dessen Abgesang auf den unsäglichen Treppenwitz der deutschen Geschichte sich so liest: „.. & buntem / aktivisten-glas hinab bis an / die schale kinder kammer butzen- / leis durch den geruch / der teueren toten: / zirkel sticht & hammer drischt / ins leer geschnittne loch der fahne“.

    Nun ist „pech & blende“ durchaus nicht nur ein Abgesang, aber eben auch ein solcher. Besonders gut schafft das Gedicht „gravitation“ (S. 80f) diesen Übergang: „… jedes gedicht / geht auf ameisenstraßen / durch die schallbezirke seiner glocke. …“ Die Sprache spannt den Bogen, überwindet Zeit und Ort und wird ein Bleibendes.

    Wer mehr über sich und sein Land erfahren will, dem sei dieser kleine Band ans Herz gelegt. Dass er beim Lesen auch einem großen Lyriker nachspürt, wird sozusagen gleich mitgeliefert.

     

    Grit Kalies, Auf Zeit, Gedichte, Mitteldeutscher Verlag, Halle / Saale, 2008,
    ISBN 978-3-89812-545-1, 111 S.

    Der zweite Band, den wir uns angeschaut haben, spielt in der gleichen Landschaft. Und trotzdem sind Stimmung und Sprache ganz andere. Das mag daran liegen, dass seit der Wiedervereinigung weitere 8 Jahre vergangen sind, die Texte sind, das merkt man ihnen an, um einiges jünger, entspannter, weniger schmerzhaft bedrückt.

    Im Gedicht „Hainer See“ (S. 7) erhalten wir einen Eindruck über das Stück Natur, das uns zugewachsen ist: „im Gegenlich ein Falke / über dem Bergbaufolgesee / Mäusepaläste im Boden / Huflattich, der Ödnis liebt / Steinklee und Vogelwicke / Spatzen in der Nische hinter / dem Haus, dem Refugium / für eine Wechselkröte / Lerchen, die steigen, und / dieser unghemmte Wind / in diesem leer stehenden Wald“. Das Land ist weit, nach Osten wie Westen nicht sichtbar begrenzt, wenn man vom Harz absieht.

    Das Gedicht „Hochhalde Trages-Espenhain“ (S. 11) kann fast als Gegenbild zum Gedicht „haldenglühn“ aus „pech & blende“ gelesen werden; und doch sind sie miteinander verbunden, denn aus ihnen entsteht das Bild vom Innen und Außen dieser Landschaft, seiner Menschen und seiner jüngeren Geschichte, die man eben nur verstehen kann, wenn man beides zusammen nimmt, mit dem eigenen Erleben zu einem Gesamtbild formt.

    Der Band „Auf Zeit“ geht über das Innere, das bei „pech & blende“ hinaus; die Landschaften werden ihrer Schwere entkleidet und in den europäischen Bezug gestellt. Das hellt die Stimmung auf und schafft eine weiteren Blick in die Zukunft, weil die Vergangenheit zwar nicht verschwunden, aber doch in ihrer Tragweite leichter geworden ist. Zum Abschluss noch das Gedicht „Traumprozession“ (S. 90): „ So zogen sie vorbei, die Jahre. / Eines schöner als das andere. // Eins trug ein Hochzeitskleid. / Eins Hut und Schlips. / (Die Fliegen waren schon / aus der Mode gekommen.) // Kaum eins, das stolperte. / Keins, das sich umsah, / der da wohl winkte am Weg. / Keins, das blieb.“ Wäre da nicht der letzte Vers, wäre das die perfekte Beschreibung eines glücklichen Lebens.

    Auch dieser Band ist ein echter Kauf. Am besten allerdings wirken beide Bände zusammen. Der eine erdet sozusagen den anderen. Oder holt ihn aus dem tiefen Leid ins Leben zurück.

    Weltweitweb, im Mai 2010

    Walther

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