Eine Geschichte aus dunkleren Zeiten

    von Thomas Mühlfellner

    Ich folgte ihm bereits drei Tage lang. Hin und wieder fand ich verstreute Zeichen wie die Reste eines erloschenen Lagerfeuers oder ein Stück Stoff, das sich in den Zweigen des Unterholzes verfangen hatte. In den Dörfern fragte ich nach ihm, und durch die meisten war er tatsächlich gekommen – ja ja, bestätigten mir die Dörfler eifrig, so ein schlaksiger Kerl mit langem Gesicht, einem grau durchzogenen Vollbart und ausladenden Schritten, nein, gesprochen habe er kaum ein Wort, nichts von sich erzählt, nur ein Glas Wasser und ein Stück Brot verlangt, und dann sei er kauend weitergelaufen, ohne zurückzublicken.
    Ich wusste, ich würde ihn kaum einholen können und sah ihn schon hinter der Grenze verschwinden, dort, im Niemandsland, das die Menschen verschluckte. Dennoch dachte ich keinen Moment ans Aufgeben. Abends, wenn ich am Feuer lag und mich die Nacht mit Kältesplittern bewarf, dachte ich an Geraldine, an ihr sanftes Lächeln und den Kuss, mit dem sie sich von mir verabschiedet hatte (lang und zärtlich, als erwartete sie, mich nie wiederzusehen, aber habe sich mit dem Gedanken abgefunden), an Marie und Ernesto und den Jüngsten, Bernie, keine drei Monate alt, und ich verfluchte meine Entscheidung, mich darauf eingelassen zu haben.
    Aber aufgeben? Nein, das kam nicht in Frage. Und so lief ich weiter, immer mindestens zwei Schritte zu spät, und die Lücke schloss sich nicht.

    Es musste knapp zwei Jahre her sein, dass ich den Langen zum ersten Mal getroffen hatte. Er saß in der Schenke, wie wir Roberts schummrige Spelunke im Ort scherzhaft nannten, auf einem Barhocker am Tresen, lang und still, und nippte an einem Bier. Ich deutete mit dem Kopf fragend auf ihn, als ich eintrat, doch Robert schüttelte nur den Kopf. Keiner kannte ihn. So setzte ich mich zu ihm. Neue Leute interessierten mich.
    „Ich bin Joe“, sagte ich.
    „Gestatten Sie, dass ich mich ein bisschen zu Ihnen setze. An den Tischen sitze ich nicht gern, die sind immer verklebt, keine Ahnung, was Robert damit macht, er ist ein einsamer, alter Bastard, wissen Sie, da kommt man nach der Sperrstunde vielleicht auf blöde Gedanken.“
    Er sah mich kurz von der Seite an. Nicht der leiseste Anflug eines Lächelns.
    „Das ist ein freies Land. Sie können sitzen, wo Sie wollen.“
    „Oh, so frei sind wir gar nicht. Wir sind alle Sklaven der Arbeit, finden Sie nicht? Und wenn wir schon beim Thema sind: Welcher Profession gehen Sie nach? Ich bin Drechsler, nicht, dass es was zur Sache täte.“
    Wieder ein kurzer Blick, ein paar Sekunden Schweigen.
    „Sie haben Recht. Es tut nichts zur Sache.“
    Das Bier lockerte wohl seine Zunge, denn ein halbes Glas und unendliche Minuten später hatte ich ihm dann doch zumindest einen Namen abgerungen, auch wenn seine Antworten einsilbig blieben. Ich erfuhr, dass er in unseren Ort gekommen war, da er hier familiäre Wurzeln hatte und sich nun, da er allmählich auf den Ruhestand zuging, ein Haus für seinen Lebensabend kaufen wollte. Ich fragte ihn noch weiter aus, doch viel mehr ließ er sich nicht entlocken, auch nicht, welche familiären Beziehungen es waren, zu denen er zurückzukehren gedachte.
    „Alle tot mittlerweile“, war alles, was er dazu sagte.
    In den nächsten Monaten traf ich ihn hin und wieder in der Schenke, manchmal auch samstags im Lebensmittelladen. Er hatte sich tatsächlich das seit Jahren leerstehende Haus am Ortsrand gekauft, und in den seltenen Momenten, wenn seine Zunge etwas lockerer saß, erzählte er mir, dass er es zu renovieren plante, dass er die Ruhe schätzte und morgens oft keine zwanzig Meter von seinem Küchenfenster entfernt die Rehe am Waldrand standen, die Beine tief im Frühnebel versunken, die Ohren aufgestellt – das gefiel ihm.
    Es dauerte über ein Jahr, bis ich ihm entlocken konnte, was er beruflich machte, nein, was er gemacht hatte.
    „Ich war Goldschmied und Juwelier. Heute bin ich nur noch Goldschmied. Jeder Mann braucht etwas, das ihn ausfüllt.“

    Zu jener Zeit häuften sich die Erkrankungen und plötzlichen Todesfälle im Ort, seltsame Unfälle wie Stürze von Leitern oder tödliche Tritte von Pferden. Innerhalb von drei Monaten starben gleich drei Mädchen, keines von ihnen älter als zwölf Jahre, an den Folgen einer Lungenentzündung, zwei Burschen erkrankten an Masern, der eine kam knapp durch, der andere schaffte es nicht. Der alte Weberbauer erhängte sich zur Überraschung aller an einem Querbalken in seinem Kuhstall, ein zweijähriges Mädchen fiel in einen Fluss und ertrank. Dann wurde Marie krank, sie bekam aus heiterem Himmel die Röteln. Man begann zu tuscheln, warf sich vielsagende Blicke zu.
    Unter der ruhigen Oberfläche des alltäglichen Lebens summte es wie in einem Bienenstock. Der Neue hatte Schuld an der Misere, es musste so sein. Bald folgten die ersten Ortsversammlungen, zu denen der Lange natürlich nicht eingeladen war.
    Wahrscheinlich ahnte er schon damals etwas von der Stimmung, die sich gegen ihn bildete, doch ließ er sich nichts anmerken. Er saß nach wie vor stoisch und einsam wie eine Insel auf seinem Barhocker und trank Bier. Als jedoch der Bürgermeister selbst von einem Stier umgerannt und zertrampelt wurde, das Gesicht eine unkenntliche, breiige Masse, gingen sie los, um ihn zu holen und zu lynchen, sechs, sieben Männer aus dem Ort, alles gute Bekannte von mir, die Mienen zu Fratzen verzogen.
    Ich schloss mich ihnen in der Hoffnung an, das Schlimmste verhindern zu können. Als wir in das Haus des Langen eindrangen, war er schon fort. In seinem Arbeitszimmer fanden wir das Goldschmiedewerkzeug, aber kein Gold.
    „Er hat sich aus dem Staub gemacht! Wir müssen ihm nach!“, schrie der alte Paul, und seine Stimme überschlug sich zwischen Wut und Geifer.
    Sie wählten mich aus, ihm zu folgen und ihn zu fangen oder zu töten. Keiner meiner Einwände wurde angehört.
    „Du bist der Kräftigste von uns, du bist jung, und du kennst ihn ein bisschen besser als die meisten hier. Du wirst ihn finden und zu uns bringen. Ihn oder seinen Kopf.“

    Es war ein goldgelber Morgen, und vielleicht standen an jenem Tag wieder Rehe vor seinem Küchenfenster, als ich ihn doch noch fand. Er hatte sich auf der Flucht das Bein verstaucht. Er saß am erloschenen Lagerfeuer, eine Tasche neben sich, den Blick auf den Weg vor sich gerichtet. Ich denke, dass er mein Kommen gehört hatte, doch er drehte sich nicht um, bis ich hinter ihm stand und mein Schatten auf ihn fiel. Erst da warf er mir einen Blick über die Schulter zu, abschätzig, mitleidig vielleicht.
    „Es überrascht mich nicht, dass Sie es sind.“
    „Mich schon“, sagte ich und hockte mich im Schneidersitz vor ihn hin.
    „Schon gefrühstückt?“
    „Ich brauche nicht viel dieser Tage.“
    Ich holte einen Laib Brot und eine Stange Wurst aus meiner Tasche.
    „Ein schöner Morgen, nicht wahr?“
    „So schön wie jeder andere auch.“
    „Sicher, dass Sie nichts essen möchten? Das Brot ist köstlich. Der Bäcker des letzten Ortes, durch den ich durchgekommen bin, hat es heute in den frühen Morgenstunden frisch gebacken. Sie wissen, dort hinten die kleine Ortschaft an den drei Hügeln. Sehr malerisch. Ich wäre gern länger geblieben.“
    Er schüttelte den Kopf.
    Ich schnitt mir eine Scheibe Brot ab und ein gutes Stück von der Wurst und begann zu essen. Nach einer Weile, in der wir schwiegen, er weiter den Weg vor sich musternd, ich kauend, fragte er mich unvermittelt:
    „Glauben Sie daran?“
    Sein Blick ruhte neugierig auf mir.
    Ich ließ mir Zeit mit meiner Antwort, dachte nach. „Eigentlich nicht. Aber seltsam ist es schon, das müssen Sie zugeben.“
    Und da sah ich ihn zum ersten Mal, seit ich ihn kannte, lächeln.
    „Manche Menschen haben einfach Pech, nicht wahr?“
    „So wird es wohl sein. Aber kommen Sie nun, lassen Sie uns ein Stück gehen.“
    Ich stand auf.
    „Nicht weiter den Weg entlang, nehme ich an?“
    „Was halten Sie davon, zurück zu der netten Ortschaft an den drei Hügeln zu gehen? Ich habe gute Lust auf einen Schluck Bier, auch wenn es noch sehr früh dafür ist.“
    Er nickte, und wir begannen, den Weg, den wir gekommen waren, flüchtend, laufend, schwitzend, er zuletzt hinkend und unter Schmerzen stöhnend, zurückzuwandern, einen Schritt gemächlich neben den anderen setzend, als wären wir zwei alte Freunde, die nach dem Essen einen kleinen Spaziergang machten.
    Wir waren vielleicht zwei, drei Kilometer weit gekommen, als er plötzlich stehenblieb.
    „Warten Sie.“
    „Aber gerne. Wir haben es nicht eilig.“
    „Nein, das haben wir nicht“, sagte er, und wieder lächelte er, doch nur mit seinem Mund, nicht mit den Augen.
    Wir standen eine Weile, neben uns der Wald, aus dem Vogelgezwitscher drang, vor uns der Weg, der sich durch die sanfte Hügellandschaft schlängelte, und da hörte ich plötzlich ein Krachen aus dem Gehölz. Überrascht drehte ich mich um und sah einen Wildschweineber auf mich zuschießen, ein mächtiges Tier, über einhundert Kilo schwere, grunzende Wut. Ich konnte nicht mehr ausweichen.
    Der Eber riss mich nieder, seine Hauer verfingen sich in meiner Hose, und er schleifte mich über die Wiese, bis der Stoff riss und ich wieder frei war. Ich lag benommen im Gras, der Körper zerschunden und dort, wo er nicht schmerzte, gnädig betäubt. Ich wollte mich aufrichten, konnte es aber nicht. Dann spürte ich etwas Warmes, Nasses am Bein. Ich tastete mit der Hand nach unten, und als ich die Hand nach oben hielt, die Morgensonne brach durch meine Finger und blendete mich kurz, sah ich Blut von der Handfläche triefen. Das Wildschwein hatte mit seinen Hauern die Beinschlagader erwischt. Die Jagd war vorüber.
    Der Schatten des Langen fiel auf mein Gesicht. Ich blinzelte und sah ihn vor mir stehen, lang und hager, selbstsicher lächelnd.

    „Manche Menschen haben wohl einfach Pech.“
    Er drehte sich um und humpelte fort.

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