Die Kellertür

    von Kerstin Brichzin

    Ich versuche, kein Geräusch zu machen, als ich mich auf die Bettkante setze. Bisher habe ich nie über Omas Sterblichkeit nachgedacht. Sie gehört einfach in mein Leben, wie die Sonne an den Himmel. Ihr Gesicht ist blass, ihre Augen geschlossen. Ich küsse ihre eingefallenen Wangen, doch sie regt sich nicht, keine Zeichen, nur die Apparate neben ihr ticken unbeirrt.
    „Oma, ich bin‘s, Isabell. Kannst du mich hören?“
    Mit den Fingerspitzen fahre ich über die braun besprenkelte Haut ihrer Hand. Wie Papier fühlt sich das an. Leise öffne ich die Nachttischlade und finde ihre Handcreme, wie immer Sanddorn.
    Die würde sie so an zuhause erinnern, sagt sie immer.
    Ich drücke ein wenig Salbe aus der Tube und verreibe sie sacht auf Omas Hände.
    Ins Heim geht sie, hat Vater gesagt. Jetzt, wo sie gestürzt ist und nicht mehr alleine leben kann. Ein Zimmer wird sie haben mit eigenem Bad. Er wird ihr Haus ausräumen, entscheiden, was mit soll, in dieses eine Zimmer, ihr letztes. Und Alles ausgerechnet jetzt, wo er doch keine Zeit dafür hat.
    Omas knorrige Finger in meiner Hand zucken.
    „Isabell.“
    Ihre Stimme klingt belegt.
    „Bitte, die Tür.“

    Das kleine Türblatt steht in ihrem Schlafzimmer, leicht schräg gestellt, eingeklemmt zwischen Kleiderschrank und Wand. Die Motive und die Farben der Kinderzeichnung auf ihrer Vorderseite sind noch schemenhaft zu erkennen.
    Ich kann mich gut daran erinnern, wie ich als kleines Mädchen davor gestanden habe. Oma hatte mir oft von einem Haus erzählt, wo gleich hinter Sanddornbüschen das Meer begann. Und nun stand ich davor.
    Meine Fingerspitzen tasteten über Fenster, streiften die orangen Punkte eines Strauches, umrandeten das Boot auf dem Meer. Letzte Farbreste rieselten auf den Boden. Schnell hatte ich diesen bunten Staub in den toten Winkel zwischen Tür und Wand gewischt, als wüsste ich, dass keines dieser Körnchen oder eine Holzfaser von dem Türblatt verloren gehen durfte.
    Jahre später erst traute ich mich, die Tür herum zu drehen.  Oben links entdeckte ich die beiden Kerben. Mit dem Zeigefinger war ich drüber gefahren, fühlte das splittrige Holz, wie es leicht meine Haut ritzte. Weiter unten sah ich einen birnenförmigen Fleck.
    Und dann, ich war vielleicht vierzehn Jahre alt, hatte ich sie endlich gefragt: „Oma, die kleine Tür da hinten, warum steht die da?“

    Oma hatte eine Weile geschwiegen, als müsse sie überlegen oder ganz viel Luft holen, bevor sie mir ihre Geschichte erzählte:
    „Du weißt, meine Familie stammte aus Ostpreußen. Seit vielen Generationen bewirtschafteten wir dort einen kleinen Bauernhof Nähe Tolkemit am Frischen Haff. Die Tür führte von der Küche aus hinab in einen kleinen Vorratskeller unterm Haus. Im Sommer blieben dort unten die Milch, das Gartengemüse und die anderen Lebensmittel frisch, und im Winter fror nichts ein. Weil ich so gerne malte, schenkte mir mein Vater zu meinem sechsten Geburtstag einige Farbtuben und band mir aus Schweineborsten einen Pinsel. Irgendwann im Winter, wir waren völlig eingeschneit, habe ich das Sommerbild auf die Kellertür gemalt.“
    Dann war Oma still. Nach einer Weile fragte ich, wie denn die Tür hierher gekommen sei.
    Sie räusperte sich und sprach weiter.
    „Es war Dezember 44. Viele waren schon gegangen, heimlich, in der Nacht. Wer erwischt wurde, den haben sie erschossen oder gehenkt, einfach so. Durchhalten sollten wir, die Rote Armee aufhalten, am besten mit bloßen Händen. Vater, mein Bruder Paul und Onkel Herbert waren zum Kriegsdienst eingezogen worden. Nur Opa war noch da.
    Zwei Wochen vor Weihnachten, es war gerade dunkel geworden, brachen auch wir auf.
    Am Tag zuvor hatten die von der NSDAP zwei unserer Leiterwagen abgeholt, samt Pferde. Aber einen haben sie dagelassen. Seine Ladefläche war ihnen wohl zu klapprig gewesen. Opa wollte ihn im Winter reparieren. Da hob er einfach die Kellertür aus den Angeln und legte sie über die kaputten Bretter. Sie passte, weil sie schmaler und kürzer war als die anderen Türen im Haus.
    So leise wie möglich luden wir warme Sachen und Vorräte auf und etwas Futter für den Wallach. Den hatte Opa in der Scheune versteckt. Als ich Kleidung für mich und Windeln für meine kleine Schwester Mina zusammenschnürte, kam mein Bruder. Er blutete stark am Oberschenkel und schrie, sie würden ihn suchen. Opa hielt ihm den Mund zu und versteckte ihn unter dem Gepäck.
    Und dann ging alles ganz schnell. Ich konnte die Stille der Nacht hören, gestört vom Knirschen unserer Schritte im Schnee. In diesem Moment, als wir den Hof hinter uns ließen, spürte ich, wie die schwarze Angst, die monatelang in der Dunkelheit gewachsen war und dort geduldig gelauert hatte, mich überwältigte und wochenlang, nein, monatelang nicht mehr loslassen wollte.
    Opa lief neben dem Braunen, die Zügel fest in der Hand. Oma, Tante Erna, Mutter und ich gingen hinter dem Wagen. Mutter hatte mir die kleine Mina auf den Rücken gebunden. Wir wärmten uns gegenseitig.
    Anfangs hatte ich mich noch umgedreht, in der Hoffnung, dass Aiko, mein Hund, noch käme. Opa war mit ihm am Abend spazieren gegangen. Weggelaufen sei er, hatte er gesagt, ohne mich dabei anzusehen.
    In der ersten Zeit gingen wir nur nachts, egal, wie das Wetter war. Tagsüber verstecken wir uns, aßen eine Kleinigkeit und schmolzen Schnee. Mutter versorgte Pauls Wunde, die übel roch, wenn sie die Tücher abnahm. Hab mich geekelt, und, weil ich das tat, vor Scham geweint. Irgendwann bekam er Fieber und redete gefährliches Zeug. Nach einer Woche war er still und so kalt, wie das erfrorene Land um uns herum.
    Da habe ich das kleine Beil genommen und eine Kerbe oben in die Kellertür geschlagen. Ich wollte etwas fühlen, etwas, was mich an diesen Tag erinnerte, wenn ich auf dem Wagen lag. Später entdeckte ich im Holz den birnenförmigen Fleck aus seinem Blut.
    Die zweite Kerbe gehört zur kleinen Mina. Ich weiß nicht, warum, aber irgendwann wollte ich sie nicht mehr tragen. Als meine Eltern etwas zu essen suchten, habe ich sie schnell auf den Wagen gelegt und zugedeckt, damit ihr der Schneesturm nichts anhaben konnte. Anfangs hatte sie sich noch bewegt, doch irgendwann schlief sie ein. Kurz vor einer Rast habe ich nach ihr gesehen. Ihr Gesicht war weiß, wie das von einer Puppe aus Porzellan und genau so starr. Nie wieder haben wir von ihr geredet.
    Irgendwann marschierten wir nicht mehr allein. Da waren mehr mit Koffer, Kisten und Bettzeug beladene Fuhrwerke mit ihren Menschen, die stumpf hinter ihnen her liefen. Wir halfen uns, wenn einer der Wagen im Schnee stecken geblieben war. Oft drängelten sich Kettenfahrzeuge rasselnd an uns vorbei. Dann scheuten die Pferde, und so manches kippte seine Last in den Straßengraben.
    So gut es war, nicht mehr alleine zu sein, nun waren wir zu einer Zielscheibe für die Flieger geworden.
    Glaub mir, mein Schatz, du willst nicht wissen, was wir alles erleben mussten in diesen vielen Wochen.
    Manchmal, wenn der Hunger zu groß wurde, habe ich mich bäuchlings auf den Wagen gelegt und ein Stück von der Kellertür aufgedeckt, gerade so viel, dass meine Hände und meine Nase das Holz berühren konnten.
    Dann schloss ich die Augen und sah meine Hände, wie sie die warmen Euter unsere Milchkühe melkten, und roch ihre fettige Milch.
    Ich konnte sehen, wie ich mit Paul herum alberte, wenn wir die Fruchtpresse bedienten, um aus den Früchten des Sanddornstrauchs Saft zu pressen.
    Ich schnupperte am Holz und roch die Würze der geräucherten Schinken, die aufgehängten Würste und das Sauerkraut in den Fässern, die hinter dieser Tür gelagert hatten. Manchmal war ich so eingeschlafen, immer die rechte Hand unter der Stirn, die linke auf den beiden Kerben.
    Später, im April, wir hatten bei Dirschau die Weichsel und bei Stettin die Oder überquert, beschlossen die Erwachsenen, dass wir weiter Richtung Westen ziehen sollten, in ein kleines Dorf weit weg von Berlin und der Roten Armee. Doch Ende April holten uns die Russen bei Neustrelitz ein.“

    Dann hatte Oma geschwiegen. Ihr Körper war zusammengesackt, ihre Schultern zuckten.
    Ich weiß noch, wie ich sie in den Arm genommen habe, dass wir uns wiegten und wir lange so saßen.

    „Isabell, Mädchen, hast du mich gehört?“
    Ich zucke zusammen, bin völlig aufgewühlt. Schnell fahre ich mir mit dem Ärmel übers Gesicht.
    „Kind, du musst nicht weinen. Das wird doch wieder, wirst sehen.“
    Oma lächelt und tätschelt meine Hand. Etwas Farbe ist auf ihre Wangen zurückgekehrt, es tut gut, das zu sehen.
    Ich nicke.
    „Ja, Oma, die Tür. Ich bringe sie dir, wenn du umgezogen bist.“

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