Der Kranich und ich
Weihnachtsgeschichte von Catrin Ponciano
Ich bin mir zwar nur fast sicher, dass es jedes Jahr wieder derselbe Kranich ist, der irgendwo und ganz allein, ganz ohne Schwarm oder Leitvogel steht und harrt, aber er könnte es sein. Gestern ist er mir wieder einmal in den Dünen von Alvor begegnet. Und wieder habe bloß ich ihn wahrgenommen, kein anderer Spaziergänger sonst, sogar ein Ornithologe mit einem dieser Objektive, das einer Flüstertüte auf einer Demo ähnelt, hat ihn nicht bemerkt, sondern nur knapp daneben zwei andere Vögel im Streitflug fotografiert.
Der Kranich also – und ich. Er harrt und glotzt und ich harre und glotze zurück. Er ist schön, grau-blau-silbern meliert sein Gefieder. Groß ist er, größer als ein Storch. Und allein. Sollte es tatsächlich derselbe sein, der mich alle Jahre wieder findet, oder ich ihn, leider können wir das nicht klären, wir sprechen nicht die gleiche Sprache, dürfte er mindestens 17 Jahre alt sein, denn 2008 ist er mir das erste Mal aufgefallen.
Und wenn ich jetzt so Kranich-Revue passieren lassen, stets am Ende des Jahres. Sobald die Festtage auf uns zu kommen – zu denen wir uns so sehr Besinnlichkeit wünschen – und Ruhe, von der Sorte, um an Heiligabend zur allerletzten Minute vor Ladenschluss (nicht) noch rasch ein besinnliches Geschenk für ABC zu kaufen. Dazu gaaanz viel Besinnlichkeit, um sich an der Feinkostkasse (nicht) vorzudrängeln, jemandem anderen (nicht) den letzten Parkplatz in der Supermarkttiefgarage wegzuschnappen oder den letzten Fitzel Umsonst-Geschenkpapier – hach, dazu von ultrabesinnlicher Jingle-Bell-Musik überall berieselt.
Den Kranich geht das ganze Jingle-Glitzer-Brimborium nichts an. Er folgt seinen eigenen Mustern, die ihm die Jahreszeiten vorgeben und seine Natur. Zwar ist er ein Vogel, aber er folgt nicht jedem Schwarm und macht auch nicht alles mit was seine Artgenossen vormachen.
Ob er glücklich ist? Kennt ein Kranich überhaupt Glück? Ist ihm ein gefangener Wurm Glück? Eine gefundene Garnele gar noch mehr? Und mir? Was bedeutet mir Glück? Ich, die wie der Kranich gerne das Alleinsein sucht und das mit mir sein genießt. Harrend, denkend, reflektierend. Und teste, ob ich es (noch) mit mir aushalte, oder ob ich mich eventuell doof finde, weil irgendwo im Jahr versucht gewesen, einem Schwarm, anstatt meiner Intuition zu folgen, oder Versprechen Glauben zu schenken geneigt, anstatt meinem Verstand zu vertrauen, oder weil ich aus lauter Bequemlichkeit in irgendeiner längst Antiquaren Sichtweise steckengeblieben bin.
Nein, bitte kein Schwarmdenken und keine Leichtgläubigkeit, schon gar nicht versteinerte Blickwinkel wünsche ich mir für mein neues Jahr, da ahme ich lieber den Kranich nach und folge dem Muster, das zu mir passt. Halte inne und entsinne mich an die Freiheit, die der Kranich mir vormacht. Und freue mich auf die stille Stunde in Heiliger Nacht, und auf den Spaziergang mit meinem Liebsten unterwegs unter Sternenhimmel. Und dann, wenn meine Hand sich in seine schmiegt und die Welt den Atem für einen winzigen Moment lang anhält, tiefen Frieden verspüre.
