Der Wortmaler

    Hartmut Sörgel, Städte sind Inseln in der Sprache der Schmetterlinge, Gedichte, „Trilce“-Gesellschaft, Berlin 1997, ISBN 3-9805424-6-7, „Trilce“-Editionen Nr. VII, Paperback, 108 Seiten.

    Es gibt viele leise Dichter in Deutschland, die in der Stille Großes vollbringen, ohne dass das richtig registriert wird. Hartmut Sörgel ist einer der Lichtblicke des tage-bau, der ältesten deutschen Literaten Commune, der der Rezensent die Ehre hat, seit dem Jahr 2002 anzugehören. Der tage-bau, eine echte „Institution“ unter den Internet-Literaturforen, genehmigt sich bisher den Luxus, seine Mitglieder selbst heraussuchen zu wollen und diese dann auch noch um einen jährlichen Mitgliedsobolus nachzusuchen, ist selbst bereits seit dem Jahr 1999 online.

    Leider ist der Autor Hartmut Sörgel im Oktober des Jahres 2015 verstorben. Damit er nicht in Vergessenheit gerät, soll mit der Rezension seines Gedichtbandes, den er dem Rezensenten auf der Lesung in Berlin im Jahr 2012 überreicht hatte, seiner gedacht und auf sein Werk aufmerksam gemacht werden. Wer Interesse daran hat, mehr über den Wortmaler Hartmut Sörgel zu erfahren, kann viele seiner jüngeren Werke, die er unermüdlich in Ausstellungen und Lesungen vorgestellt hat, im tage-bau nachlesen. Dieser Raum war ein Platz, in dem er sich zu Hause und aufgehoben fühlte. Er war ein sehr sensibler Beobachter und Hüter der Sprache. Im tage-bau haben ihn alle tage-bauerInnen geschätzt, geliebt und verehrt.

    Der Gedichtband „Städte sind Inseln in der Sprache der Schmetterlinge“ zeigt schon in seinem Titel auf, worum es dem Autor zeitlebens ging. Die Sprache war für ihn Klangkörper, Instrument, Pinsel und Farbe. Er hat mit Buchstaben, Wörtern, Formulierungen, Textstücken nicht nur Poesie geschrieben – er hat sie regelrecht gemalt. Und wenn er einmal zusätzlich Linien, Kurven, Körper, Striche seinen Buchstabenkunstwerken hinzugab, so waren sie eigentlich Spiegel und Verstärker der Sprachbilder. Sie haben keinen echten eigenen Zweck.

    Seine Texte haben häufig Natur- und Situationsbezug. Auch die Stadt ist immer Hintergrund seiner Wortbildschöpfungen. Im hier vorgestellten Band sind es die Schmetterlinge, das Ei und der Kuckuck, die er hauptsächlich evoziert und in verschiedenste Sinn- und Unsinnszusammenhänge stellt. Hartmut Sörgel liebte das Wortspiel, die Ironie über verschiedene Bedeutungsebenen hinweg. Das Spielerische, Laut-, Sinn- und Bedeutungsmalerische sind auf diese Weise zugleich Essenz und Ausdrucks- bzw. Stilmittel.

    Das Wiederlesen des Bands hat dem Rezensenten fast mehr Freude bereitet als beim ersten Mal. Das liegt sicherlich daran, dass ihm dabei gewahr wurde, wie sehr er Hartmut Sörgels Aufhellungen dunkler Tage vermisst, die er von seinen Aufenthalten auf dem Land mitbrachte, zu denen er sich immer freundlich verabschiedete und ebenso freundlich und entspannt zurückmeldete. Bis eines Tages weder eine Ab- noch eine Anmeldung im tage-bau erfolgte.

    Nur wenige Wochen später kam die Meldung von seinem Tod.

    Er ist auf dem Land begraben, da wo er immer sich in seine Klause mit seiner lieben Frau zurückzog, und kann Kuckuck und Schmetterling weiter bei ihrem Tun beobachten und schmunzeln seine Wortspiele dazu spinnen. Es bleibt viel zu sehen und davon zu berichten. Er wird nun anderen Orts die Sinne, das Auge und die Ohren bereichern. Abe er hat uns etwas zurückgelassen, an dem wir uns immer wieder erfreuen können.

    Weltweitweb, im Februar 2016

    Walther

     

    Netfinder:
    http://www.trilce.de – TRILCE Gesellschaft Berlin e.V.
    http://www.tage-bau.de – die älteste deutsche Literaten Commune im Internet

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